Bamboo … ein Pferdeleben

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Foto: Katja Stuppia

Die Geschichte eines Pferdes….

Oder: Die Herausforderung, die ein Pferd bedeutet, was dem heutigen Zuchtideal entspricht und schon eine Vergangenheit hat….



In den letzten Jahren wird die heutige Zucht von Dressurpferden von Seiten der Züchter und Reitern immer kontroverser diskutiert. Auf der einen Seite steht der Sport: Dort werden immer mehr Bewegungsqualität bei gleichzeitiger Sensibilität und Elastizität erwartet. Die Pferde werden immer langbeiniger und eleganter, mit fast perfektem Gebäude und kleinem Kopf, toller Halsung, Oberlinien und perfekt gewinkelter Schulter und Hinterbein. Gleichzeitig sind diese Pferde nicht selten hypermobil und damit wenig stabil. Die schwungvollen Bewegungen gehen durch den ganzen Körper und sind für das Pferd oft auch ohne Reiter eine Herausforderung an Gleichgewicht und Bewegungsbehrrschung. Ein solches Pferd so zu reiten, dass es gesund bleibt, ist nur mit viel Wissen, Aufwand und Zeit bei der Ausbildung möglich. 

Die haben diese Pferde aber meist nicht. Geschweige denn, dass Reiter gängig das Wissen über die funktionelle Anatomie, Reitlehre und reitehrliches Wissen mitbringen, so dass sie einschätzen könnten, was in welcher Zeit und Dosierung von diesen Pferden geleistet werden kann. Von der mentalen Anforderung oder auch sich schnell einstellender Überforderung ganz zu schweigen.

Auf der anderen Seite steht der Freizeitreiter. Der möchte Spass mit seinem Pferd, Spass am Reiten. Beim Kauf steht er immer öfter vor einem Pferd, bei dem schon das Leichttraben eine viel zu grosse Herausforderung an Kondition und Koordination ist. Die Fähigkeit, das Pferd in seiner Bewegung zu unterstützen statt es zu behindern ist fast nicht möglich.
Die Verlockung ein solches Pferd zu besitzen ist trotz allem für viele Käufer riesen gross. Die Mühe es gesund zu erhalten wird nach dem Kauf allerdings grösser, als manch einer es sich vorgestellt hat…

Je mehr Bewegungsqualität ein junges Dressurpferd hat, umso größer sind im Turniersport die Ambitionen von Reiter und Besitzer. Damit übersteigen die Anforderungen sehr schnell die Möglichkeiten des jungen Pferdes… Als der 7-jährige Belissimo x Jazztime-Nachkomme Bamboo zu uns kam, hatte er genau das erlebt. Der Züchter hatte ihn vom neuen Besitzer (Zwischenbesitzer) zurückgekauft, da er die Misshandlungen an seinem qualitätsvollen jungen Pferd nicht mehr mit ansehen konnte. 

Bamboo war abgemagert, falsch bemuskelt, hatte Überlastungsgallen an den Hinterbeinen genau am Fesselringband, das eine Auge war durch eine Hornhautverletzung (vermutlich durch einen Peitschenhieb) fast blind, eine Nackenbbandreizung vermutlich durch Schlaufzügeleinsatz sowie erste Engstände an der Wirbelsäule wurden diagnostiziert, Zähne und Blutbild waren in einem katastrophalen Zustand – der Sattel musste viel zu eng gewesen sein, das Gebiss zu scharf, die Eisen viel zu eng und das Pferd an sich falsch beschlagen. Eine Wiese hatte er in der Zeit beim neuen Besitzer vermutlich gar nicht erlebt. Bamboo war vollkommen verängstigt, schreckhaft und bei der kleinsten Unsicherheit stieg er. Anbinden ging nur unter äußerster Vorsicht und das Verladen konnte Stunden dauern. Alles in allem war das 178cm grosse Pferd nicht mehr ganz ungefährlich

Wir stellten Bamboo erst einmal für einige Monate auf die Weide, damit er wieder zu sich kommen konnte. 

Die Veränderung, die schon da in dem jungen Pferd abliefen, waren auch für uns interessant. Ich persönlich hatte zwar schon einige Pferde erlebt, die viel erlebt hatten, aber Bamboo war von Anfang an irgendwie etwas besonders. Er war auf der einen Seite eine ganz liebe Seele und auf der anderen Seite konnte es passieren, dass er einen ohne Vorankündigung einfach über den Haufen rannte. Manchmal war es schwer, abzuschätzen, was in ihm welche Verhaltensweisen auslösen würde.

Auffallend war allerdings, dass es besonders kompliziert im Umgang war sowie es zu dämmern begann. Es war offensichtlich, dass mit seinen Augen etwas nicht in Ordnung war. Eine gute Tierärztin stellte eine seltene Form der Mondblindheit fest, die nur bei Pferden auftritt, die massiv unter Stress stehen und wo sich das Immunsystem quasi gegen einen Schwachpunkt im eigenen Körper wendet. Das war bei ihm das Auge. Das Auge war nicht von Natur der Schwachpunkt, sondern musste beim Zwischenbesitzer mehrfach entzündet gewesen sein. Ausgelöst das ganze – so vermuten wir – durch einen Peitschenhieb. Das hat der Zwischenbesitzer mal eben grosszügig vernachlässigt, was zu diesem Zustand führte.

Die Trübung ist deutlich zu erkennen. Zu Beginn der Behandlung war sein Sehvermögen stark eingeschränkt….

Wenn man so darüber nachdenkt, sind die Probleme, die Bamboo mitbrachte alle hausgemacht. Sie sind überflüssig und entstanden durch Grobheit, Desinteresse und Gleichgültigkeit gegenüber dem Tier. Wenn ich das so überlege, ist es so traurig, dass mir auch heute nach 2.5 Jahren noch die Tränen in den Augen stehen. Was hat man dieser lieben Seele – aufgewachsen unter besten Bedingungen mit Familienanschluss und kompetenter Aufzucht – alles angetan hat. Ein Verbrechen am Tier. Der Zwischenbesitzer ein renomierter Profireiter, dem man so viel Tierquälerei im ersten Moment nicht zusprechen würde. Bekanntlich schaut man Menschen ja nur vor den Kopf.

Die Behandlung von Bamboos Augen (das linke mehr, das rechte weniger) wird er sein ganzes Leben lang erhalten. Er bekommt täglich Tropfen und wenn wir Glück haben, dann reduziert es sich im Laufe der Zeit auf jeden zweiten Tag …. Wenn er älter wird, kann es passieren, dass es schlechter wird. Das ist dann so. Er wird so lange bleiben bis er in einem hohen Alter vielleicht auf der Wiese für immer einschläft und auf ein schönes Pferdeleben mit viel Zuneigung und Verständnis zurückblicken kann.

Nach der ersten Woche seiner Weidepause, die geplant aus fressen, und betütteln bestand, erkannte Bamboo, dass man auf einer grossen Wiese auch Gas geben kann. So bestand dann für die folgenden Wochen der Weidegang aus Vollgasaktionen, bei denen er sich fast täglich umbrachte. Die Eisen riss er sich bei seinen Kamikazeaktionen fast im Stundentakt ab und man musste schon sehr viel Gelassenheit mitbringen, um ihn nicht zu steinigen. Durch seine Toberei machte er nämlich auch Fidel und Pampi ziemlich verrückt und so rasten nach einiger Zeit alle wie die Irren auf ihrer Wiese herum und schafften es schon mal, die Grasnarbe in der Nähe des Verbindungszauns innerhalb von wenigen Stunden komplett zu schrotten…. Mit der Zeit lernte ich, über diesen Wahnsinn hinwegzusehen und die Weiden regelmässig wieder zu schleppen, neu einzusäen, für Wochen ruhen zu lassen und auf andere Wiesen auszuweichen. 

In Laufe der Monate wurden die Selbstzerstörungsphasen weniger und man konnte die drei auch mal für 1-2 Stunden ohne Beaufsichtigung auf der Weide lassen.

Nachdem er langsam zugenommen hatte, etwas Vertrauen gefasst hatte, beim Putzen dösend auf der Stallgasse stand und man ihn schon mal alleine unter das Solarium stellen konnte, obwohl die anderen Pferde noch auf der Weide waren, begannen wir ihn zu longieren.

Es war traurig zu sehen, wie er sich an der Longe bewegte: Den Rücken weg gedrückt mit nach hinten herausgestelltem Hinterbein und in absoluter Aufrichtung schlich er in schleppenden Bewegungen auf dem Reitplatz im Kreis. Den Schub aus der Hinterhand hatte man ihm komplett genommen, genau wie die Freude an der eigenen Bewegung. Er ging nicht vorwärts und es war ein für den Longenführer körperlich unwahrscheinlich anstrengendes Unterfangen ihn an der Longe so fleissig vorwärts zu schicken, dass er überhaupt begann den Hals fallen zu lassen und sich traute die Anlehnung am Gebiss zu suchen. Die Dreieckszügel haben wir am Anfang so lang gelassen, dass sie nur das massive Herausheben nach oben begrenzen sollten und ihm den Weg in die Tiefe weisen konnten. Er hatte weder die Kraft, den Hals fallen zu lassen und über den Rücken zu gehen, noch hatte er diesen richtigen Weg irgendwann überhaupt einmal gelernt.

Der Befund im Rücken, den wir zugleich zu Anfang beim Röntgen diagnostiziert hatten, kam ja auch nicht von ungefähr…

Wenn man so darüber nachdenkt, muss man sich fragen, wie wenig Ahnung oder Interesse hatte wohl dieser sogenannte Profi-Ausbilder, der auf den Turnieren grosse Prüfungen gewinnt und mit Schleifen über Schleifen belohnt wird, wenn er nicht einmal weiss, dass ein Pferd, das nicht über den Rücken geht nicht hält. 

Als sich im Laufe der Arbeit mit Bamboo mehr und mehr wie beim Abschälen von Zwiebelschalen das wahre Ausmass der Hinrichtung dieses wunderbaren jungen Pferdes offenbarte, war ich gerade in den ersten Monaten so wütend, dass mir oft überlegt habe, wie ich dieser widerlichen Kreatur schaden kann. 

Heute betrachte ich es entspannt, denn ich denke mir, ihn gesund zu erhalten und zu sehen, wie gut es ihm geht und wie toll er sich entwickelte, ist für diesen Reiter Strafe genug, denn die Reiterszene ist klein und es wird beobachtet, wie er sich entwickelt. Zwar wird er nie wieder ein Turnier sehen und der Sieg bei einer solchen Veranstaltung steht ja noch für viele für reiterliches Know-How, aber die Fähigkeit, dieses Pferd zur Mitarbeit und zur Losgelassenheit zu bringen, hatten diese Menschen mit all` ihren Turniererfolgen nicht und so ist es Genugtuung genug zu wissen, dass man selbst weiss wie es geht, es reiten kann und weiss, dass viele wissen, dass man es weiss. 

Dafür braucht man dann keine Schleifen…. 

Es macht so viel Freude zu fühlen, dass er sich loslässt, dass der Rücken schwingt, er sich wohlfühlt und vertraut. 

Was will ein Mensch der sein Pferd liebt mehr?

Wenn man sich mit der Ausbildung oder auch der Korrektur eines solchen Pferdes befasst, stellt man fest, dass man in vielen Dingen andere Wege gehen muss, die einem selbst im ersten Schritt als Umwege erscheinen, sich dann aber fast immer als die schnellere und einfachere Lösung herausstellen.
So habe ich entschieden, aus dem Leben von Bamboo eine Geschichte zu machen und die Schritte, Korrekturen, neuen Wege zu beschreiben und mit Videos zu hinterlegen. Viele werden sich wiederfinden und vielen wird es Anregungen geben, die auch mit Pferden mit Geschichten konfrontiert sind, die sie nicht aufgeben wollen, weil sie einfach als Familienmitglied zum Leben gehören und man einmal eine Verantwortung übernommen hat…..

Fortsetzung folgt…..

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