Ist die Pferdeausbildung heute noch richtig?

Posted by on / 0 Comments

Geht die Ausbildung unserer Pferde heute noch in richtige Richtung oder haben wir bei den vielen Auffassungen und Interpretation irgendwann den Bezug zum Richtigen verloren?

 pferdeausbildung_1

Ist das so richtig? Hohe Hand, Unterschenkel abgestreckt, Pferd in absoluter Aufrichtung bei weggedrücktem Rücken.

 

Schaut man sich in den Reithallen und auf Reitplätzen um, scheinen Ausbildung und Unterricht sonderbare Wege zu gehen. Immer wieder kommen Reitschüler zum Unterricht, die selbst nach mehreren Jahren Ausbildung bei verschiedenen Reitlehrern nicht einmal die grundlegenden Lektionen korrekt ausführen können und / oder elementare Sitzfehler aufweisen. Auch die Pferde weisen analog dazu gesundheitliche Schäden wie z.B. Rückenprobleme, falsche / fehlende  Bemuskelung, Probleme an Sehnen, Fesselträgerschäden, Takt- und Gangfehler etc. auf.

Machen diese Beobachtungen nicht nachdenklich?

Wieso weisen so viele Pferde erste Krankheitssymptome bereits im frühen Alter auf?

Wieso verfügen immer mehr Reiter über ein so geringes Reitniveau – selbst nach langjähriger Ausbildung, von theoretischem Hintergrundwissen ganz zu Schweigen?

Warum erhält man Rückmeldungen wie „Sie schauen ja immer auf den Sitz, aber Herr X schaut immer auf das Pferd und dessen Probleme!“? Hat diesen Reitern niemand erklärt, dass Probleme beim Pferd in fast allen Fällen auf Sitz und Einwirkungsfehler des Reiters zurückzuführen sind?

rai_reiten

Auseinandergefallen auf der Vorhand, wenig Aktivität aus der Hinterhand. Dauerhaft so geritten, kommt es zu irreparablen Schädigungen.

 

Es drängt sich einem der Gedanke auf, dass die heutige Ausbildung meilenweit entfernt ist von den überlieferten Grundsätzen der Ausbildung. Unsere reiterlichen Richtlinien basieren auf der HDV12/1937 und den Erkenntnisse der großen Reitmeister der Vergangenheit. Man zitiert zwar Gustav Steinbrecht (1884): „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ oder auch „Das Genick ist der Spiegel der Hinterhand“, aber die Bedeutung dieser Aussagen scheint allzu oft nicht bekannt.

Man liest in der alten Literatur, dass jedes Pferd eine fundierte dressurorientierte Ausbildung erhalten muss, damit es zum Einen in seiner jeweiligen Disziplin erfolgreich sein kann und zum Anderen gesund bleibt. Es kommen täglich neue Bücher auf den Markt, es werden neue Konzepte aufgelegt, die ein besseres Verständnis für Reiten und das Pferd schaffen sollen und trotzdem geht die Ausbildung immer mehr in die falsche Richtung und zwar in allen Bereichen des Reitsports.

Immer schneller und immer früher große sportliche Erfolge. Fast täglich neue und teilweise absonderliche Reitweisen. Von der Zirkuslektion bis zum alternativen Sofakissen Reiten, alles wird heute als Ausbildung vermarktet.

Für den Besitzer / Reiter bequem? Eine Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben? Einfach nur Unverständnis? Oder Nichtwissen und Überforderung?

Wir sprechen von fundierter und pferdegerechter Ausbildung, wissen aber meist gar nicht, dass diese bei korrektem Sitz und Einwirkung des Reiters beginnt.

Auf unseren Auktionen strampeln verspannte junge Pferde mit aufgekröpften Hälsen und herausgestellter Hinterhand und das Publikum applaudiert. Die Preise steigen in astronomische Höhen. Jeder mit ein wenig Pferdeverstand müsste eigentlich wissen, dass man ein Großteil der Pferde aus einer Auktion zunächst für mehrere Wochen oder sogar Monate auf die Weide stellen muss, um dem Pferd die Chance zu geben, sein Trauma zu verarbeiten. Und trotzdem zahlen wir jede Summe.

strampeln

Bei diesem wohl noch jungen Pferd ist der falsche Knick deutlich ausgeprägt, der Rücken abgesunken und Kruppe hochgezogen. Das Nase hinter der Senkrechten, das Pferd auf die Vorhand geritten.

 

Wir zeigen drei oder vierjährige Pferde in Reitprüfungen, die dort spektakulär durch die Diagonale steppen. Dabei bleibt aber unberücksichtigt, dass diese Pferde weder von ihrer Muskulatur noch von ihrer Kraft oder gar psychisch in der Lage sind, diese Leistungen zu erbringen und diese allzu oft viel zu hohen Anforderungen ohne negative Folgen zu verarbeiten. Auf Turnieren platzieren sich Pferde mit passartigen Fußfolgen in den vorderen Rängen und in den Protokollen steht dazu: „Das Pferd hatte Taktstörungen.“ Der Pass ist inzwischen also so salonfähig geworden, dass er nur noch als Unregelmäßigkeit angesehen wird. Im Richtererlass von 1953 steht allerdings, die Reinheit der Gänge habe oberste Priorität. Haben wir also Pass und Zügellahmheit bereits in die Grundgangarten aufgenommen?

Wir geben junge Pferde in die Ausbildung und sagen dem Ausbilder: „Sie haben Zeit! Aber bis zum Sommer … sollte er schon M laufen.“ Würden wir uns ernsthaft mit unseren Erfolgswünschen auseinander setzen, wüssten wir, wie unrealistisch sie oftmals sind.

Wir lernen im Unterricht Lektionen, Lektionen und nochmals Lektionen, aber Zügel aus der Hand kauen lassen, halbe Paraden, einen elastischen und geschmeidigen und korrekten Sitz erlernen wir kaum noch. Schauen wir uns unsere Ausbilder an, stellen wir immer öfter fest, dass auch diese nicht mehr in der Lage sind, korrekt zu sitzen, von grundlegenden und unverzichtbaren Übungen und Lektionen keine Kenntnis haben.

dsc_3335

Bei korrektem Zügel aus der Hand kauen lassen, kommt die Nase Höhe Buggelenk, an die Senkrechte, die Anlehnung ist konstant, das Pferd tritt mit aktivem Hinterbein und schwingendem Rücken an die Hand des Reiters .

 

Die Pferde gehen so gerne richtig, hat Herr Stecken immer gesagt. Ich frage mich leider immer öfter: Warum lassen wir sie dann nicht?

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>