Was sehen Richter und wo sind die Verbände?

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Qualitätvolles Pferd auf dem Bundeschampionat. Wie lange mögen Pferde so geritten halten?

So gewinnt man …. Zu sehen war auf dem Video eine Reiterin mit einem sechsjährigen Pferd. Es hatte eine L-Dressur auf Trense gewonnen. Im Protokoll hatten die Richter Schritt und Trab mit „ausserordentlich gut und ausdrucksvoll“ bewertet. Das Protokoll in das Video eingebunden.

Preis der Besten. Wie lange mag ein so gerittenes Pferd wohl halten?

Auf dem Video war ein junges Pferd mit einem gestressten Gesichtsausdruck, viel zu dünn und massiven Verspannungen zu sehen. Der Bewegungsablauf in keiner der Grundgangarten taktrein. Der Schritt passartig, der Trab spektakulär (im Vorderbein), aber leider zügellahm und der Galopp war schief. Ich hätte ihn als „nicht durchgesprungen, flach und laufend“ bezeichnet. Ich habe dann beim Betrachten so überlegt, wie man einen solchen Ritt mit einer 8,4 bewerten kann…

Die Bewertungen vieler Richter sind in den letzten Jahren in der breiten Öffentlichkeit mehr und mehr in die Kritik geraten und man ist versucht, die Aus- und Fortbildung eben dieser Personen in Frage zu stellen. Sie entscheiden mit, wie (schlecht) heute geritten wird und wenn das spektakuläre und verspannte richtiger ist, als das durch den Körper gehende, dann muss man sich a) nicht wundern und b) sich die Reiter damit ja auch nicht herumschlagen. Wenn also das ehrlich losgelassene Pferde heute kein Kriterium mehr ist, warum soll man es dann noch zeigen oder sich zum Ziel setzen. Einen Blumentopf gewinnen kann man damit jedenfalls mal nicht. Denn losgelassen ist zwar gesund und richtig, aber leider für den Laien wenig spektakulär.

Nicht spektakulär, aber gesund. Damit lässt sich auf einem Turnier keine Schleife gewinnen…

Ist ein korrekt sitzender Reiter mit einer gefühlvollen Einwirkungen, einer ruhige Hand und korrekt liegenden Unterschenkeln genauso richtig oder auch falsch, wie ein schlecht sitzender Reiter, werden sich nicht wenige Reiter fragen, warum man sich einen Trainer einkaufen soll, der pausenlos am Sitz herum kritisiert. Dabei ist es dann vermutlich auch vernachlässigbar, dass der korrekte Sitz die Basis allen Reitens ist, wenn Reiter auch ohne diesen Erfolge erzielen können.

Somit geht vieles heute nicht mehr unbedingt in die richtige Richtung… und keiner scheint es ändern zu wollen – zumindest nicht von Seiten der Verbände. Ihnen geht es hauptsächlich um den Erfolg, denn der bringt Fördermittel und Sponsoren und damit ist das Ziel erreicht. Pferde gibt es genug und so lange der Pferde-Nachwuchs nicht ausstirbt, lässt sich ein kaputter leicht ersetzen. Von irgendwas müssen ja auch die Züchter leben und wenn alle richtig reiten würden, wäre die Branche pleite……

Die breite Masse der Reiter heute allerdings längst so weit, schlechtes Reiten nicht mehr einfach so zu akzeptieren. Das zeigt die teils massive Kritik an international erfolgreichen Reitern vor allem in der Dressur. Leider führt das zu keiner Änderung. Schaut man sich die ein oder andere namhafte Reiterin an, scheint es vollkommen unerheblich, dass deren Reitweisen in der Kritik stehen, es wird stumpf so weitergemacht und die Anhänger finden es genial. Das trotz aller Aufklärung. Ein Trauerspiel.

So wenden sich mehr und mehr Menschen ab. Das sollte eigentlich Sponsoren kosten, tut es aber vielerorts nicht und es werden noch immer viele viele qualitätvolle Pferde verschlissen und verschwinden so schnell wie sie gekommen sind. Eine erschreckende Entwicklung.

Bis zum korrekten Zügel aus der Hand kauen lassen ist es weit. mehr und mehr neue Methoden lehnen diesen Weg ab. Vermutlich kommen sie da nicht hin, dann ist es einfacher, es zu verteufeln…

Richtiges Reiten ist allerdings auch ein hartes Brot und so reitet man Jahre um Jahre bis die Einwirkung so korrekt ist, dass sich die Pferde loslassen und gesund bleiben können. Abkürzungen gibt es nicht bei der Ausbildung von Reiter und Pferd. Das weiss jeder, der ehrlich zu sich selbst ist und sich dieser mehr als komplexen Materie öffnet. Das mag für manch einen mehr als frustrierend sein. Vor allem dann, wenn kein guter Trainer da ist, der einem den richtigen Weg weisen kann.

Am 15. September 2016 verstarb der letzte grosse Mahner in der Reiterei. Paul Stecken! Mit ihm ging vermutlich das letzte fundierte Wissen. Als ich damals auf seiner Beerdigung war, habe ich so viel geweint wie kaum an einem Tag in meinem Leben. Wenn ich an sein schelmisches Lachen und die kleinen Seitenhiebe zwischen den Zeilen denke, stehen mir auch jetzt die Tränen in den Augen und muss dabei aber auch lächeln. Er war ein wunderbarer, charismatischer Mensch und wie er über seine vielen Ehrungen immer sagte: „ich bin eben en duften und gefragten Kerl“.
In den letzten Tagen habe ich oft an ihn gedacht. Vielleicht noch öfter als sonst im Jahr und ich überlege gerade wieder, warum es mich jetzt wieder so berührt und warum ich auf seiner Beerdigung so verzweifelt war. Vielleicht war es das Wissen, dass dieser wunderbare Mensch immer fehlen würde und das Erahnen, dass mit seinem Tod das letzte Wissen über das Richtige ebenfalls gehen würde.

Seine mahnende Wort und sein unermüdliches Einstehen für „die überlieferten Grundsätze der Ausbildung“ fehlen heute mehr denn je…

1 Kommentar

  • Elsa Antworten

    Danke!
    In einem kleinen privaten Stall werden wir Reitschüler nach diesen alten Grundsätzen ausgebildet. Turniere lehnt unsere dort ehemals sehr aktive und auch erfolgreiche Reitlehrerin inzwischen ab. Ihre Artikel lesen wir aufmerksam mit! Es ist eine Freude Pferde losgelassen unter dem Reiter zu sehen und wenn ich es selbst hinbekomme auch ein geniales Gefühl unter dem Reiterhintern.

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