Alles Ansichtssache …. Wir mögen es halt etwas enger!

Posted by on / 3 Comments

Ich bin ja immer wieder überrascht über die unterschiedlichen Realitäten, die es im Reitsport gibt…. Manch einer/eine scheint auch noch an das zu glauben, was er/sie so erzählt. Eine Dame mit einem ganzen Schrank voll Pferden (davon die Hälfte kaputt geritten) stand in meiner Nähe am Reitplatz und schaute ihrem Bereiter beim Reiten zu. Da Reiter und Besitzer ja gerne über ihre Pferde berichten, hatte auch die Dame das dringende Bedürfnis mit ihre Überzeugungen und Erkenntnisse darzubringen. Wer mich kennt weiß, dass ich in solchen Momenten „sehr“ interessiert zuhöre …. und mich dann bei rhetorischen Fragen im Allgemeinen mit dem Satz: „Wissen Sie, ich bin da nicht so im Thema!“ äußere.

Die Dame berichtete wie folgt: “ Wissen Sie, wir haben die Pferde ja gerne ein bisschen enger im Hals. Also das mit dieser Nase an der Senkrechten wird ja im Allgemeinen überbewertet. In der Ausbildung gibt es so viele Wege, die zum Ziel führen und es ist ja auch Ansichtssache, wie man ein Pferd reitet. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Sportpferde mit diesem langen Zügel (Hinweis von mir, gemeint war: Nase an der Senkrechten…) ja überhaupt nicht zurecht kommen. Sportpferde und Freizeitpferde kann man nicht über einen Kamm scheren. Unsere Sportpferde sind viel sensibler und brauchen auch eine starke Hand (Einwurf von mir: Aha ?????).“

Darauf die Dame weiter: „Reiten Sie auch?“ Ich: „Ja“. Die Dame: „Freizeitreiter?“, Ich: „Ja“. Die Dame: „Soso, was reiten Sie denn so?“ Antwort von mir: „Ich falle beim Leichttraben meistens nicht runter!“ (Hinweis hier: Ich bin einmal beim Einreiten im hohen Bogen von meinem Jungen runter gesegelt und so ist die Ausführung „…falle meistens nicht runter…“ ja mehr als richtig).

Diese Information schien die Dame zu einem wahren Höhenflug zu animieren.

Die Dame:“ Es gibt ja Leute, die glauben und vertreten mit aller Überzeugung, dass der Zügel lang sein muss, damit die Pferde sich loslassen können. Auch dieser Begriff Loslassen ist ja so eine Sache. Man muss das immer von allen Seiten betrachten. Was ist denn überhaupt Losgelassenheit? Woran will man das denn überhaupt erkennen und außerdem, wenn man im Sport erfolgreich sein will, dann müssen die Pferde auch ein bisschen unter Spannung stehen…..!“

Während die Dame das mit aller Inbrunst erklärte, ausschmückte und mir im Detail erläuterte, wurde das Pferd auf dem Platz, das gerne ein bisschen enger geritten wird, immer widersetzlicher, denn die Verspannungen waren dann doch so massiv, dass der Schritt passartig, das Pferd im Trab zügellahm war und dem Profi im Galopp von der Fahne ging.

Die Dame darauf: „Sehen Sie, das meine ich! Der braucht eine starke Hand! Das kann unsere Tochter noch gar nicht leisten. Da muss der Ausbilder drauf und ab und zu einfach klären, wer das Sagen hat.
Wir kaufen ja regelmäßig junge Pferde und bilden diese aus. In den letzten Jahren hatten wir leider nicht so viel Glück. Ständig ist was. Die Pferde sind ja heute so empfindlich. Der eine steht mit Fesselträgerschaden, ein anderer hat schon das zweite Mal Probleme mit den Sehnen und mein eigener hat ja immer wieder Rückenentzündungen. Also die Zucht heute… Es ist ja schon schwierig, da überhaupt noch ein Pferd gesund zu erhalten.“

Mittlerweile war ich mehr als aufgebracht darüber, wie sehr das arme Pferd traktiert wurde und meinte, ob es denn nicht besser wäre, den Zügel länger zu lassen und den Hals vorzulassen, damit sich das Pferd etwas entspannen könne und nicht ganz so viel Stress hätte…

Daraufhin die Dame: „Na, wo haben Sie denn diese Weisheiten her?“

Meine Antwort: „Aus 300 Jahren Fachliteratur, aus meinen Büchern, meinen internationalen Veröffentlichungen und aus der Pferdefachzeitschrift, die ich als Chefredakteurin verantworte… ach ja und aus 44 Jahren Reiten und jahrelangem Training bei unserem früheren Bundestrainer!“

 

Daraufhin bin ich gegangen: Es war für alle gesünder…..

 

3 Kommentare

  • Charlotte Antworten

    Es ist schon erstaunlich, was sich selbsternannte Dressurexperten als Rechtfertigung dafür einfallen lassen, ihr Pferd zu riegeln und zu rollkuren. Da heißt es dann „Das muss so sein, der muss so rund geritten werden, der muss unter Spannung stehen – anders macht er das nicht, auf Turnieren ist es noch viel schlimmer, der muss von sich aus nachgeben….“ Wenn das völlig verspannte Pferd den Galopp dann im reinen Viertakt läuft, sich dabei vorne in die Brust beißt und mit Gerte und Sporen „fleißig“ gehalten wird, dann nennt sich das auch noch Versammlung… Ich kann es oft nicht fassen, wie wenig Leute, die schon jahrelang reiten, über Pferde wissen und nicht das geringste Interesse haben, daran etwas zu ändern oder ihre Methoden zu hinterfragen.

    • Anne Schmatelka Antworten

      Ja, da hast Du recht! Es ist ein Leid……

  • Marie Antworten

    liebe anne, ich weiß nicht wie du es aushältst immer wieder mit solchen leuten konfrontiert zu werden. ich glaube, ich würde zum amokläufer. respekt für dein los-gelassen projekt und die besten wünsche, dass es wenigstens einige von diesen leuten mal aufrüttelt. steter tropfen höhlt (hoffentlich) den stein

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.