Bamboo – und die Losgelassenheit

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Bamboo – kleine Schritte – große Wirkung

Wenn man so lange reitet wie ich und ein Pferd bis zu einem gepflegten S-Niveau ausbilden kann, dann holt einen ein Pferd wie Bamboo schnell auf den Boden der Realität zurück. Denn bei kleinen Problemen kommt man immer wieder Schnell an Grenzen …

Reitet man sein Pferd selbst ein und bildet es vom ersten Tag an weitestgehend richtig aus wie es bei Pampi gewesen ist, dann ist alles so einfach. Die Pferde nehmen die Ausbildung an, lernen schnell, haben keine Angst, keine Unsicherheit, keinen Stress. Sie geben den Rücken her, lassen sich los, schnauben zufrieden ab und man sitzt oben auf seinem Pferd und ist mit sich und der Welt zufrieden…. So schön kann reiten sein.

 

Pferde mit Vergangenheit…

Bei einem Bamboo mit einer wenig erfreulichen Vergangenheit,  noch vollkommen unfertig vom Kopf, nach 4-5 Monaten Reiten mit vielen Pausen logischerweise noch kein Muskel- und Kraftpaket, alles noch instabil, sieht die Sache anders aus und es wird einem immer wieder bewusst, wie wenig Probleme entstehen dürfen, um nicht einen Rückschritt zu riskieren.

In den letzten Wochen entwickelte er sich gut. Der Rücken veränderte sich, kam durch die sich aufbauenden Muskeln und das wiederkehrende Zügel aus der Hand kauen immer mehr nach oben. Der Sattel wurde verändert, die Strupfen umgebaut, um eine noch bessere Passform speziell für Bamboo zu schaffen.

Er tobte auf der Weide, rutschte einmal hinten weg, blockiert sich TH 17, L2 und L5 und zack vorbei mit dem Heranschließen des Hinterbeines beim Reiten und schon nach wenigen Tagen sah man es an der Oberlinie. Natürlich ist in solchen Fällen der Osteotherapeut in Urlaub. Durch Mobilisierungsübungen, Solarium und Muskelentspannungen ließ sich TH 17 (der 17. Brustwirbel) zwar gut lösen, aber an L2 und L5 kam ich nicht dran.
Was tut man in einer solchen Situation? Zurück zum guten alten Longieren, Stangenarbeit etc.  Als nach knapp drei Wochen alles wieder gerichtet war, war es beim ersten Reiten wieder da:  Das Herausheben bei den Übergängen vom Schritt zum Trab, der fehlende Schub aus der Hinterhand, das Stockende Rückwärtsrichten und das Umspringen in den Kreuzgalopp auf der linken Hand, wenn Bamboo länger als eine Runde auf dem Zirkel galoppieren musste. Auch sein rechtes Knie war wieder etwas weniger stabil, so dass er in den Übergängen doch immer wieder mal weggeknickt ist, da sich diese kurze Pause so stark ausgewirkt hat, dass die Kraft in den Oberschenkel- und Sitzbeinmuskeln nachgelassen hat.

Faszinierend und erschreckend zugleich, wie massiv sich so etwas doch auswirkt. In solchen Momenten wird mir dann bewusst, wie weit der Weg doch noch ist und wie wenig stabil das Pferd…

Sicherlich könnte man mit entsprechend Druck, einer starren Hand und bedeutend kürzerem Zügel erreichen, dass sich das Pferd beim Antraben nicht heraushebt, aber was bringt es? Die Anlehnung suchen kann er dann nicht, den Rücken hergeben auch nicht. Dadurch würde sich wieder die alte Angst und Unsicherheit einstellen und wäre wieder so verspannt wie früher. Um eine solche Situation erst gar nicht entstehen zu lassen – denn sie ist immer mit einem Vertrauensverlust verbunden – muss man mit einem Rückschritt leben und das Reiten wird dann in den nächsten Tagen einfach wieder ein bisschen anstrengender  …. Nach 20 Minuten pfiff ich aus dem letzten Loch und stellte fest, dass ich mir das in meinem Alter eigentlich nicht mehr antun sollte. Da er aber ein so lieber Knuffel ist, tue ich es doch und lebe damit, dass ich nach dem Reiten ein Sauerstoffzelt brauche.

 

Kleine Rückschritte korrigieren und konsequent für Losgelassenheit sorgen

Im Allgemeinen ist Zügel aus der Hand kauen lassen in allen drei Grundgangarten eine gute Möglichkeit, dass Pferd zur Losgelassenheit zu bringen. Gerade ein gut durchgesprungener Galopp hilft sehr, alles wieder richtig zu lockern.

Dann hilft es, die große und die kleine Acht zu reiten und das Pferd auf der linken Hand in der Acht immer wieder im Schritt übertreten zu lassen. Das macht das Becken locker und das Pferd muss die innere Hüfte mehr senken und kommt so mit dem innere Hinterbein wieder vermehrt unter den Schwerpunkt. Dabei ist es wichtig darauf zu achten, dass man die Zügel nicht zu kurz nimmt und die Anlehnung nicht erzwingt. Das Pferd soll den Hals ja von sich aus fallen lassen, die Anlehnung suchen und den Rücken hergeben.
Wenn sich Bamboo dann auf der gebogenen Linie immer wieder kurzzeitig heraushebt, dann verhindere ich es nicht, denn ich weiß, er macht es in den Momenten, in denen er das innere Hinterbein nicht ausreichend beugen kann, da ihm die Kraft und die Beweglichkeit in den Hinterhandgelenken noch fehlt und er da er zum Ausweichen auf das äußere Vorderbein fällt. Das kann man lösen, indem man sein Pferd auf der gebogenen Linie mehr vorwärts als seitwärts reitet. So lässt sich dieser Fehler ohne Druck korrigieren und das Pferd verspannt sich erst gar nicht.

 

… Einige Wochen später…

Zwischenzeitlich konnten wir den kleinen Rückschritt auffangen und Bamboo macht wieder Fortschritte. Da er zur Zeit noch wie ein alter Diese läuft und in den ersten 10-15 Minuten doch recht triebig sein kann, habe ich begonnen, ihn vor dem Reiten wie ein junges Pferd abzulongieren. Das funktioniert wunderbar! Dadurch hebt er sich nicht mehr raus und fängt auch mit dem ersten Schritt schon an zufrieden abzuschnauben. Die Kreislinie der kleinen Acht hält er jetzt auch weitestgehend ein, ohne auszuweichen und ohne sich beim Handwechsel auf die neue innere Schulter fallen zu lassen. Halbe Rundenweise kann ich jetzt aussitzen, ohne dass er dadurch langsamer oder triebiger wird. Das ist ein gutes Zeichen, dass sich der Schub aus der Hinterhand langsam entwickelt und er den Rücken hergibt.

Auch dehnt er sich beim Galoppieren schön in die Tiefe und man kann an der langen Seite in Trab und Galopp Tritte und Sprünge verlängern lassen und ihn ohne Druck und ohne dass er ausweicht wieder aufnehmen in den Arbeitstrab/Arbeitsgalopp. Wenn man ihn unter dem Gesichtspunkt ‚richtige Ausbildung einer Remonte‘ betrachten würde, hätte er jetzt den Ausbildungsstand eines vierjährigen Pferdes. Auch wenn er schon acht Jahre alt ist. Er beherrscht die Grundlagen.

Jetzt ist die Basis geschaffen, die man in seinem früheren Leben irgendwo unterwegs vergessen hatte.

Das sieht man auch an seiner Muskulatur. Er wird runder. Die Hinterhand wird etwas mehr und er sieht nicht mehr aus wie ein Windhund. Auch füllen sich die Muskeln am Hals langsam an den richtigen Stellen. Zur Zeit sind die Oberschenkelmuskeln noch wenig entwickelt. Das heißt, der Schub aus der Hinterhand ist noch wenig vorhanden. Das passt dann auch wieder dazu, dass er phasenweise noch triebig isst. Wenn er aber weiter fleißig vorwärts geritten wird wie ein junges Pferd, er lernt, in allen Lebenslagen das Gebiss anzunehmen und sich davon abzustoßen, dann ist dieses Problem auch bald Geschichte. Wenn das Wetter lange Galoppsttrecken im leichten Sitz im Gelände und dabei Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle erst einmal wieder zulässt, dann kommt der Rücken noch weiter hoch und der Muskelaufbau wird dadurch zusätzlich unterstützt.

 

Endlich wieder Sonne!

Endlich scheint die Sonne und man könnte jetzt voll motiviert weitermachen. Leider ist der Boden steinhart gefroren und so geht es im Schritt ins Gelände und auf dem Platz kann man im Schritt die Seitengänge verbessern. Vielen Reitern fällt es schwer, ihr Pferd zur Losgelassenheit zu bringen, wenn sie nur Schritt reiten können. Aber wenn man viele Handwechsel, gebogene Linien und immer wieder Zügel aus der Hand kauen lassen reitet, dann klappt das – bei Bamboo mittlerweile wunderbar.
Wie sagte Herr Stecken immer: „Zügel aus der Hand kauen lassen im Schritt auf der kleinen Acht und auf der linken Hand immer wieder übertreten lassen, bringt jedes Pferd zur Losgelassenheit! Der Vorteil vom Schritt reiten ist, dass man Ausweichen sehr gut abfangen kann. Denken Sie immer daran: Ein Vorlassen des Halses muss immer gestattet werden. Der kurze Zügel ist heute eine große Unsitte. Wenn man es richtig macht, kann man alle Lektionen auch am langen Zügel reiten. So geben die Pferde den Rücken her, fühlen sich wohl und sind zufrieden!“

Neben Schulterherein sind in den letzten Wochen auch erste Traversalen im Schritt dazu gekommen. Diese Lektionen wechsle ich dann ab mit Rückwärtsrichten und daraus anreiten und natürlich Zügel aus der Hand kauen lassen. So wird er sich sicherlich weiter so gut entwickeln und bis zum Sommer sieht man ihm seine Vergangenheit vermutlich nicht mehr an…

Im Umgang ist er gerade wie ein junges Pferd, was in die Flegejahre kommt. Seit ein paar Tagen hat er immer wieder die Idee, mich beim Abäppeln in die Ärmel der Jacke zu zwicken und dann übermütig zu steigen und dann davon zu laufen. Wenn er das nicht macht, schmeißt er die Karre um und rennt bockend davon, wenn ich ihn mit der Gabel verfolge.

Offensichtlich geht es ihm gut und er hat nur noch dummes Zeug im Kopf …

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