Begriffe – Begriffe – und noch mehr Begriffe…

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An sich gibt es ja nichts Neues in der Reiterei zu erfinden, sondern nur Bewährtes zu bewahren. Wenn man aber „interessiert“ die heutigen Fachbücher und Magazine liest und die endlosen Massen an Videos anschaut, wird man verwundert sein, wie viel geniale Kreationen es allenthalben so gibt.

Die Frage ist nur: Braucht man das oder schafft es nur weitere Verwirrung …?
In dem folgenden Artikel haben wir einige kreative Formulierungen ausgewählt und versucht, diese richtig zu interpretieren.
Das war gar nicht mal so einfach 🙂

 

Begriffe – Begriffe ….

General a. D. Horst Niemack hat zu Lebzeiten einmal etwas ganz Zutreffendes über die Ausbildung des Pferdes gesagt: „Es gibt nichts Neues zu erfinden, nur Bewährtes zu bewahren.“

  • Biomechanische Abläufe sind seit Jahrhunderten bekannt und haben sich nicht verändert, der Muskelaufbau eines Pferdes hat sich nicht verändert und er lässt sich nicht beschleunigen. Muskeln wachsen seit Jahrtausenden nur in Millimeter-Schritten. Auch das wird sich nicht ändern.
  • Die Pferde lernen in der gleichen Geschwindigkeit wie früher.
  • Sie sind nicht belastbarer als früher.
  • Sie brauchen den gleichen vorsichtigen und bedachten Umgang wie früher.

Nur die Zucht hat von Charakter und Gebäude vieles bewegt. Die Pferde sind gutmütig, leistungsbereit, haben ein für das Reiten bestens geeignetes Gebäude, sind sehr rittig, haben traumhafte Bewegungen und ein gewaltiges Sprungvermögen.

Diese Veränderungen scheinen die Reiterwelt offensichtlich dazu zu verleiten, auch neue Begriffe zu entwickeln.

Diese Begriffe jedoch schaffen in vielen Fällen nur Verwirrung!

 

„ der Kopf-Hals-Winkel muss möglichst groß sein…“

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BU: Misst man da wohl den Kopf-Hals-Winkel?

 

Der Kopf-Hals-Winkel. Da geht das Leid schon los. Wo ist der denn um Himmelswillen? Misst man da vom Backenknochen bis zum Hals? Oder ist damit die Ganasche gemeint?
Wie kann man ausmessen, dass er ziemlich groß ist? Soll er 90° haben oder weniger? Braucht man jetzt ein Geodreieck, um einschätzen zu können, wann er richtig ist?

Dann wiederum sagt ein bekannter deutscher Offizieller: „Ein bisschen hinter der Senkrechten macht nichts!“ Muss dann der Kopf-Hals-Winkel doch nicht so groß sein? Wie klein ist er denn dann?

Warum bleibt man nicht bei der richtigen Formulierung: „Die Nase gehört an die Senkrechte“. Damit ist doch alles gesagt.

 

 

Die Anlehnung muss WEICH / FEIN sein!

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BU: Ist das jetzt eine WEICHE/FEINE Verbindung oder hängt der Zügel einfach durch, da die Anlehnung nicht vorhanden ist?

 

Ist FEIN oder in den aktuellen Richtlinien Reiten und Fahren auch als WEICH bezeichnet die neudeutsche Übersetzung für konstante Anlehnung oder eine federnde oder heißt es einfach nur, dass man als Reiter vorsichtig sein soll, dass man keine grobe und rückwärtswirkende Hand hat?

Wenn dem so ist, kann man das einfach klar auf den Punkt bringen! Punkt!

 

 

 

Die richtige und falsche Kopf-Hals-Haltung

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BU: ist das jetzt die richtige Kopf-Hals-Haltung oder würden wir das eher – so wie es richtig ausgedrückt ist als absolute Aufrichtung, also eine von Hand herbei geführte Aufrichtung – bezeichnen?

 

Was immer das ist? Meint man damit eine korrekte relative Aufrichtung, bei der das Genick der höchste Punkt ist oder ist damit die fehlerhafte absolute Aufrichtung gemeint, bei der die Aufrichtung von Hand herbeigeführt wurde, der Rücken nicht hergeben und der Schwung aus der Hinterhand nicht mehr sichergestellt ist? Oder ist das eine weitere Beschreibung dafür, dass die Nase hinter der Senkrechten ist oder dahin kommen darf?

 

 

 

Der Naturgalopp

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Ist das der Arbeitsgalopp? Fällt das Pferd beim Galoppieren mit hoch gezogenem Kopf völlig auseinander? Oder meint man damit einen Galopp, den die Pferde auf der Weide zeigen?

 

 

 

 

 

 

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BU: Naturgalopp?

Bei der noch sehr jungen Reiterin funktioniert das  Zusammenwirken der Hilfen noch nicht. Das Pferd hebt sich heraus. Es springt nicht korrekt durch, gibt den Rücken nicht her.

Wenn sich Naturgalopp dadurch auszeichnen sollte, dass Pferde irgendwie auseinander gefallen in der Reitbahn umher galoppieren, dann haben wir es künftig mit allem sehr viel einfacher. Wir schleudern mit unseren Pferden irgendwie über den Reitplatz und wenn sie nicht allzu offensichtlich humpeln, da sie vollkommen verspannt sind, ist alles gut?!

 

 

 


Der Grundschwung

DSC_5622BU: Zeigt das Pferd im Trab auf der Weide seinen Grundschwung?

 

Was damit gemeint ist, ist nicht ersichtlich. Vermutlich geht es um den Bewegungsablauf im Arbeitstrab.

Es könnte aber genauso gut sein, dass man seinem Pferd beim Traben auf der Weide zuschaut. Der sich dabei ergebende mehr oder weniger stark ausgeprägte schwungvolle Bewegungsablauf, der auch beim freilaufenden Pferd nur aus dem unverspannten Rücken seine Entfaltung findet, ist der Grundschwung? Ein Bewegungsablauf, der zwar nicht ergiebig (also nicht heraus geritten) ist, jedoch aus dem innerlich und äußerlich losgelassenen Pferd kommt?

 

 

 

Taktstörungen

Wenn man das Wort Störung nimmt, könnte man jetzt sagen: Eine Störung ist etwas, was von außen kommt und somit etwas behindert, auf das man keinen oder nur wenig Einfluss hat. Dann ist der Reiter ab heute glücklicherweise nicht mehr daran schuld, wenn das Pferd so verspannt ist, das der reine Takt nicht mehr gegeben ist. Das wird nämlich im Allgemeinen hervorgerufen durch fehlerhafte reiterliche Einwirkung, die zu Verspannungen führt. Früher nannte man es Taktfehler oder im weiter fortgeschrittenen Stadium Gangfehler.

Es waren somit keine Störungen durch widrige Umstände, sondern schlicht und ergreifend reiterliche Fehler. Das ist heute auch noch so, aber die Störung hört sich besser an … oder?

Übersetzt man es korrekt,  würde man Taktstörungen ausschließlich auf Fehler in Lektionen beziehen, wenn das Pferd beispielsweise in Piaffe oder Passage nicht alle Beine in der gleichen Höhe hebt, ein Bein mehr hochzieht als das andere oder wenn das Pferd in der Pirouette bei einem oder höchstens zwei Sprüngen in den Viertakt verfällt. Das heißt, Taktstörungen reduzieren sich ausschließlich auf einen nicht sicher geregelten Bewegungsablauf innerhalb einer Lektion.

Taktfehler beziehen sich immer auf die Grundgangart. Somit ist ein sich im Schritt passartig bewegendes Pferd nicht von Taktstörungen verfolgt, sondern es zeigt schlicht Takt- oder gar Gangfehler. Diese sind klare Reiterfehler, denn das Pferd ist nicht losgelassen!

 

Balancestörung

Balancestörungen kann man vermutlich mit: „Das Pferd ist nicht im Gleichgewicht“ übersetzen? Es könnte aber auch etwas anderes heißen. Wäre das nicht sehr einfach und vor allem für jedermann eingängig… wie es das über Jahrhunderte war ….

 

Innen Annehmen und Nachgeben

Handelt es sich hierbei um die so wichtigen Halben Paraden? Nun, dann ist das auf jeden Fall falsch, denn diese werden am äußeren Zügel gegeben und dienen der Genickkontrolle, der Hinterhandkontrolle, dem Tempowechsel und dem Richtungswechsel und zum Vorbereiten aller neuen Lektionen. Darüber hinaus braucht man sie für alle versammelnden Lektionen, um das Hinterbein darüber zu einem noch aktiveren Abfußen zu veranlassen.

Wenn man Innen annehmen und nachgeben muss, blockiert man damit das innere Hinterbein und die innere Schulter am Vortritt.
Man muss natürlich überlegen, warum es sinnvoll ist, sein Pferd ständig zu behindern? Wenn man entscheidet, dass das nicht sinnvoll ist, kann man das Annehmen und Nachgeben Innen auch einfach unterlassen.

 

Aufwärtsparade

„Aufwärtsparaden werden dann gegeben, wenn das Pferd mit der Nase hinter die Senkrechte kommt und sich einrollt“. So die Aussage eines namhaften Ausbilders. Mit diesem reiterlichen Unsinn tut man dem Pferd nur im Maul weh.

Mit einer sogenannten Aufwärtsparade löst man auch das Problem nicht, aber man hat endlich mal wieder was mit der Hand gemacht. Die ist ja sonst ziemlich nutzlos, wenn man ihr nur die Aufgabe überträgt, die Egon von Neindorff in seinem Buch Die reine Lehre der klassischen Reitkunst ihr zuschrieb: „Die Hand fängt nur auf, sie hält niemals zurück.“

 

Wenn sich Pferde einrollen oder auch verkriechen, dann liegt es daran, dass die Hinterhand nicht ausreichend aktiv ist, der Rücken nicht zum Schwingen kommt und die Pferde das Gebiss nicht annehmen. Das liegt an einer fehlerhaften Einwirkung und meist auch an einem fehlerhaften Sitz. Ein solches Problem hat man mit der Hand in hunderten von Jahren nicht lösen können. Man wird es auch zukünftig nicht schaffen.

Mit einer sogenannten Aufwärtsparade erreicht man nur, dass das Pferd Angst vor der Hand bekommt und bei dem mehr oder weniger heftigen Zügelanzug unsicher und vermutlich auch erschrocken den Kopf nach oben zieht, um sich dann wieder nach unten vor der Brust zu verkriechen. Wenn sich ein Pferd einrollt, muss man es fleißig vorwärts reiten, damit das Hinterbein wieder durchtritt und das Pferd lernt, das Gebiss mit einer entsprechenden Dehnung des Hals anzunehmen

Die Aufwärtsparade ist somit ein kompletter reiterlicher Unsinn und man sollte sie so schnell vergessen, wie man davon gehört hat!

 

Situative Unsicherheit oder dysfunktionale Spannung im Bewegungsablauf

Hmm. Diese wissenschaftliche Ausführung steht in dem Kriterienkatalog „Beobachtungen von Reiter und Pferd“  für das Vorgehen von Richtern auf dem Abreiteplatz. Was damit gemeint ist, lässt sich so einfach nicht sagen.

Es ist davon auszugehen, dass damit gemeint ist, dass das Pferd aufgrund grober reiterlicher Einwirkungen vollkommen verkrampft mit nach oben gezogenen Vorderbeinen durch die Diagonale strampelt oder sich durch den zu kurzen Zügel verkrampft einrollen muss?

DSC_5940BU: Ob dieses Pferd wohl an einer dysfunktionalen Spannung leidet?

 

Würde heute noch die alte Weisheit gelten: „Ein Vorlassen des Halses muss immer gestattet werden“, dann würden wir nicht über dysfunktionale Spannungen im Bewegungsablauf sprechen müssen, denn dann würden die Pferde nicht verspannt und exaltiert traben und die Losgelassenheit des Pferdes würde wieder ihre wahre Bedeutung erhalten:
Sie steht am Anfang und am Ende. Ohne ehrliche Losgelassenheit kann reelle Durchlässigkeit und damit kein langfristig gesundes Pferd.

Was könnte das Leben so einfach sein….

 

 

 

 

 

Vereinzelt extrem tiefe Kopfposition in Verbindung mit enger Kopf­ Hals­ Haltung

Auch diese Ausführung konnte in dem Kriterienkatalog für das pferdegerechte Reiten auf Abreiteplätzen gefunden werden. Ist hier der Begriff Rollkur oder der missglückte Kompromiss des LDR (Long deep round), mit dem Zusatz: „…auf dem Abreiteplatz 10 Minuten oder auch etwas länger …“ gemeint, um wieder einmal eine neue Formulierung zu kreieren oder möchte man dieses böse Wort, dass für tierquälerisches Verhalten steht nicht mehr so gerne in den Mund nehmen?

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BU: Ist das jetzt Rollkur oder LDR oder eine vereinzelt extrem tiefe Kopfposition in Verbindung mit einer engen Kopf-Hals-Haltung?  Die Reiterin auf dem Foto praktizierte dies jedoch nicht nur „vereinzelt“… .

 

 

 

 

Mit allen diesen Aussagen jedoch schafft man Missverständnisse statt Klarheit.

Ich denke oft darüber nach, was mit diesen kreativen Formulierungen erreicht werden soll. Wollen wir unseren Betrachtungen einen wissenschaftlichen Anstrich geben oder wollen wir Unworte gerne vermeiden?

Vielleicht wollen wir uns auch einfach nur der heutigen Zeit anpassen, die geprägt ist von vorsichtigen Formulierungen, um Fehler nicht klar zuschreiben zu müssen, damit man nichts auf den Punkt bringen muss, mit dem man das Gegenüber in Erklärungsnot für Fehlverhalten bringen könnte.

Mit dieser blumigen Sprache erreichen wir immer mehr Unsicherheit und Platz für Spekulationen. Kaum einer weiß noch, was richtig und was falsch ist. Für das Pferd ist die Konsequenz allerdings immer gleich und immer einfach. Es zahlt immer den gleichen hohen Preis: Nämlich den seiner Gesundheit…

Und das lässt sich dann auch nicht mehr schön verpacken!

 

1 Kommentar

  • Michi Antworten

    Hehe, ja wer mit dem Reitsport nichts zutun hat tut sich schwer bei diesen ganzen Begriffen. Für die meisten Leien gibt es nur „Reiten“ und „sprungreiten“… gut dass wir es besser wissen 🙂

    LG
    Michi

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