Das richtige Tempo beim Reiten

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Woran erkennt man das richtige Tempo beim Reiten?

Schneller, fleißiger, aber nicht eilig, aktiv und tätig, langsamer, gesetzter, ruhiger …?!?


Zwischendurch mal richtig Gas geben, pustet die Lungen einmal richtig durch …

 

Schneller, fleißiger, aber nicht eilig, aktiv und tätig, langsamer, gesetzter, ruhiger …?!?

Das richtige Tempo zu finden und zu reiten, scheint ein richtiges Problem!

Man kommt viel in der Welt herum und überall scheint es – wie in fast allen Bereichen des Reitsportes – grundlegend unterschiedliche Meinungen über das grundlegend richtige Tempo beim Reiten zu geben. Oftmals wundert man sich, wie der ein oder andere zu seinen Erkenntnissen gekommen ist.

 

Das als Hintergrund….

Vor ein paar Wochen war ich zum Unterricht in einem Reitbetrieb und parallel fand Unterricht mit einer dreijährigen Remonte statt. Das Pferd schlich quasi durch das Viereck und die Reitlehrerin rief ständig laut über den Platz: „Ruhiger, ruhiger, Du bist viel zu schnell. Jetzt nimm doch mal den Zügel kürzer!!“
Irgendwann schlich das arme Tier zusammengezogen, schon fast rückwärts über den Platz und die Ausbilderin quittierte das mit einem zufriedenen: „So ist das jetzt endlich richtig. Jetzt ist er losgelassen, kann Last aufnehmen und sich setzen!“
„Aha“, habe ich mir gedacht … „Last aufnehmen, 3-jähriges Pferd setzen … losgelassen???“

Die Dame, die mich um Hilfe gebeten hatte, besitzt ein Pferd mit nicht unerheblichen Rückenproblemen, wenig bemuskelt, sehr dünn. Sie erklärte, ihr Pferd sei lustlos, hätte keine Bewegungsfreude, wäre immer wahnsinnig triebig und würde sich entweder hinter dem Zügel verkriechen oder ginge gegen die Hand.
Sie begann zu reiten und ritt in einem extrem langsamen Tempo ihr vollkommen verspanntes, fünf-jähriges Pferd. Ich versuchte ihr im Laufe der Unterrichtsstunde zu vermitteln, dass sie ihr Pferd fleißiger vorwärts reiten müsste, wenn es mit dem Hinterbein irgendwann wieder durchtreten, das Gebiss annehmen und den Rücken hergeben sollte. Dazu müsste der Zügel sicherlich auch 20-30cm länger gelassen werden, damit das Pferd überhaupt die Möglichkeit haben könnte, erst einmal den Hals fallen zu lassen, denn das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass es den Rücken hergeben kann…

Nachdem ich die Dame – in ihren Augen eine Stunde – über den Platz gescheucht hatte, meinte sie, ihr Pferd wäre noch nie so eilig gewesen.
Richtigerweise bewegte sich das Pferd zum Ende der Stunde in einem fleißigen Arbeitstrab, ließ den Hals phasenweise fallen und schnaubte hin und wieder zufrieden ab. Es hatte sich vermutlich seit Jahren an dem Tag das erste Mal phasenweise loslassen können. Als sie abstieg, streichelte sie ihn erschöpft über die Hinterhand und war vollkommen verwundert, dass da alles so locker war…

Zwei Tage später besuchten wir ein ländliches Turnier und sahen uns ein paar Reiter an, die eine L-Dressur ritten. Die Prüfung dauerte laut Aufgabenheft 3,5 Minuten. Die Reiterin war jedoch schon nach knapp 2,5 Minuten fertig. Es war schon eine ausgesprochen „flotte Angelegenheit“.
Der Richter bezeichnete das Pferd als ausgesprochen fleißig …
Mit der Aussage des Richters, der das vollkommen übereilte Pferd sicherlich nett umschreiben wollte, tat er der Reiterin sicherlich keinen Gefallen. Wenn sie durch die nächste Prüfung „stürzt“, wird sie mit viel Pech noch einen Zahn zulegen und die Prüfung dann unter zwei Minuten schaffen. Das Pferd wird irgendwann dauerhaft so verkrampft sein, dass das zu gesundheitlichen Schäden führt und keiner wird verstehen, warum… es war doch immer so fleißig…

 

Wie kommt es zu so grundlegend unterschiedlichen Auffassungen über das richtige Tempo?

Die Nase hinter der Senkrechten, entsprechend Druck vom Bein und das Pferd zieht aus der Vorhand und schiebt nicht mehr aus der Hinterhand, was hier mehr als deutlich zu erkennen ist.

 

Das korrekte Tempo reiten zu können, heißt zu fühlen und erkennen zu können, wann der Rücken zum Schwingen kommt, wann sich das Pferd loslässt, den Rücken hergibt und zufrieden mit pendelndem Schweif abschnaubt. Das zu ergründen fällt vielen Reitern nicht ganz leicht, da in der Mitte nicht selten einer steht, dass das auch nicht (mehr) richtig einzuschätzen weiß. Wenn der Ausbilder einem nicht auf die Momente hinweist, wenn es richtig ist, wird sich das Gefühl über richtig und falsch nicht einstellen.

Da die Pferde heute größtenteils sehr schwungvolle Bewegungen haben, fällt es vielen Ausbildern offensichtlich auch schwer, schwungvoll von exaltiert und fleißig von eilig oder auch versammelt von schleppend zu unterscheiden.

Solange Pferde unbelastet auf der Weide traben, werden sie mit den Hinterbeinen je nach Veranlagung entweder schlaff oder leicht federnd über den Boden treten, jedoch werden sie wenig aus der Hinterhand schieben, denn dazu gibt es keine Anlass. Beim Reiten ist es anders. Da lernt das Pferd – oder sollte es zu Beginn seiner Ausbildung lernen – das Hinterbein aktiv zu benutzen. Dazu muss man es fleißig vorwärts reiten. Dabei gibt es zwischen fleißig und eilig einen immensen Unterschied:
Ist das Tempo zu hoch, wird das Pferd eilig, kommt ans Laufen, der Rücken nicht zum Schwingen und das Pferd trotz allen Tempos auf die Vorhand. Es wird das Gebiss nicht annehmen und sich davon auch nicht abstoßen, denn auch das ist ab einem gewissen Grad an eiligem Tempo nicht mehr möglich.

Die richtige Kombination aus Vorwärts an die Hand herantreiben, damit das Pferd das Gebiss annehmen kann, die Anlehnung sucht, korrektes Zügelmaß und Halben Paraden, die unter anderem auch der Genickkontrolle, Hinterhandkontrolle und  Tempokontrolle dienen, machen aus einem eiligen Pferd ein Pferd, das aktiv abfußt und mit tätiger Hinterhand schwungvoll vorwärts geht.

Das Hauptproblem vieler Reiter ist, dass sie nicht fühlen gelernt haben, wann der Rücken des Pferdes zum Schwingen kommt und vom Pferd hergeben wird.
Denn, wenn man noch nie auf einem losgelassenen Pferd gesessen hat und noch nicht gefühlt hat, wie es ist, wenn das Pferd in seiner geballten Kraft der Losgelassenheit und Durchlässigkeit auf kleinste und feinste Hilfen reagiert, ist es auch nicht einfach.

Es ist in mancher Hinsicht, wie einem Blinden Farben zu erklären.

 

Der Weg zum richtigen Tempo!

Bei einer richtigen Ausbildung entwickelt man im ersten Schritt die Schubkraft und die kommt aus dem fleißigen Vorwärtsreiten, bei dem das Pferd lernt, kräftig vom Boden abzufußen. Das heißt, der Reiter veranlasst das Hinterbein des Pferdes durch Treiben in Verbindung mit Halben Paraden zu aktivem Abfußen und Durchtreten. Dadurch wird die Hinterhand tätig. Das ist das erste, was ein dreijähriges Pferd lernen sollte, wenn man es denn überhaupt schon reiten sollte…. Das macht man dann sicherlich über ein bis zwei Jahre. Aufnehmen oder versammeln oder auch „ruhiger Reiten“ muss man in dieser Ausbildungsphase noch gar nichts!

Der Schwung entsteht durch den kraftvollen Schub aus der Hinterhand und der im weiteren Verlauf einer guten Ausbildung entwickelten Biegsamkeit der Hinterhandgelenke. Der Schwung entsteht durch das federnde Abstoßen der Hinterbeine vom Boden. Wenn man es richtig macht, wird aus einem Pferd mit einem – wie man es so schön sagt – normalen Trab mit der Zeit ein schwungvoller und ausdrucksvoller Trab.
Nicht jedes Pferd bringt schwungvolle Bewegungen von Natur aus mit, aber jedes Pferd kann das bis zu einem gewissen Grad erlernen, wenn es dazu die notwendige Kraft aufbauen konnte und unter anderem in der Rippenpartie entsprechend geschmeidig ist.
Um den Trab zu verbessern und schwungvoller zu machen bietet es sich dann auch an, die Rippengeschmeidigkeit zu verbessern, am Geraderichten kontinuierlich zu arbeiten, häufige Übergänge und Tempounterschiede einzubauen und immer wieder im fleißigen Galopp und Trab vorwärts zu reiten … fleißig, aber eben nicht eilig ….

In jeder Reitstunde zwei- bis dreimal ein bis zwei lange Seiten Tritte verlängern zu reiten hilft, das Pferd dazu zu veranlassen, das Gebiss anzunehmen. Das geht aber nur, wenn das Pferd die halben Paraden annimmt, die alle zwei bis drei Tritte oder Sprünge am äußeren Zügel gegeben werden und mit einem gefühlvollen Nachgeben der inneren Hand enden. Nachgeben heißt, dass es sich dabei um ein bis zwei Zentimeter handelt und nicht darum, den Zügel 20-30 cm hektisch nach vorne zu werfen und dann in der gleichen Geschwindigkeit wieder nach Hinten zu ziehen. Das tut dem Pferd im Maul weh, die Anlehnung geht verloren und das Pferd wird unsicher, entwickelt schnell Angst vor der unruhigen Reiterhand.

Bevor das Pferd den Ausbildungsstand der Klasse L oder wie man es früher nannte die Campagneschule erreicht hat, sollte man Arbeitsstrab, Arbeitsgalopp, Tritte und Sprünge verlängern bis hin zu Mitteltrab und Mittelgalopp reiten. Das Wort Versammlung kann man in der Zeit aus dem Wortschatz streichen.

 

Woran erkennt/fühlt man das richtige Tempo?

Man kann sagen: Wenn sich das Pferd loslässt, ist das Tempo immer richtig. Loslassen kann sich nur ein innerlich und äußerlich entspanntes Pferd, bei dem alle Muskeln richtig an- und abspannen. Wenn der Rücken zum Schwingen kommt, das Pferd aktiv abfußt und fleißig vorwärts an die Hand das Gebiss annimmt. Losgelassene Pferde haben einen ruhig pendelnden Schweif. Sie schnauben immer wieder entspannt ab.

Somit kommt man auch beim richtigen Tempo einmal wieder auf die Losgelassenheit. Sie steht auch hier wieder im Mittelpunkt aller Betrachtungen.

Der schwingende und hergegebene Rücken ist ein untrügliches Zeichen für Losgelassenheit und für das richtige Tempo in den Grundgangarten, in Verstärkungen, in der Versammlung und bei allen Lektionen.

Nur ein elastisch schwingender Rücken kann eine elastisch- freie und schwungvolle Gangmechanik zur Folge haben.

Man kann das richtige Tempo auch an der Fußfolge des Pferdes erkennen. Wenn zum Beispiel in den Trabverstärkungen die Hinterbeine – wie man es nicht selten sieht – sich schleppend bewegen und die Vorderbeine exaltiert nach oben geworfen werden, dann ist das Pferd übereilt, verspannt sich, zieht mehr aus der Vorhand, als dass es aus der Hinterhand schieben könnte.

 

Übungen und Lektionen für das richtige Tempo, die zu Losgelassenheit – und zum richtigen Tempo – führen

Am Anfang steht auch hier natürlich vor allem anderen das Zügel aus der Hand kauen lassen in den drei Grundgangarten, phasenweise Herauskauen bis zur Schnalle und am Ende der Reitstunde eine belohnendes Zügel aus der Hand kauen lassen im Halten.

Große gebogene Linien, häufige Handwechsel, die große und die kleine Acht, häufige Übergänge und Tempounterschiede (in Maßen) und natürlich vor allem im Gelände viel Galoppieren im leichten Sitz und auch da immer wieder Zügel aus der Hand kauen lassen.

In der weiteren Ausbildung – und nicht eher! – kommen dann versammelnde Lektionen hinzu, aber auch diese dann mit einer ausreichend tätigen und aktiven Hinterhand.

 

Wenn die Pferde dann das Gebiss annehmen, den Rücken hergeben, der Rücken als Bewegungszentrum zum Schwingen kommt, dann lassen sie sich los und sind zufrieden bei und mit „dem richtigen Tempo“

2 Kommentare

  • Verena Antworten

    Guter Beitrag! Ich finde es auch immer sehr schwer bei meinem Wallach zu entscheiden ob er nun zu langsam ist, fleißig läuft oder zu eilig ist. Manchmal bekommt man aber auch Anweisungen vom Reitlehrer die einen Verwirren. Im Schritt soll man fleißiger sein, beim ersten Mal traben ist man zu langsam und beim durchparieren vom Galopp soll das Pferd nicht wegrennen, sobald es nicht mehr so hektisch ist, ist man aber wieder zu langsam. Leider habe ich auch noch nicht so im Gefühl, was richtig und falsch ist. Aber das kommt denke ich mit der Zeit.

    • Anne Schmatelka Antworten

      Das kommt mit der zeit !

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