Ist Kritik heute nicht mehr angesagt?

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Ist Kritik heute nicht mehr angesagt?

Tryon 2018 – ein Meilenstein im Reitsport?!

Nichtsahnend was es bewirken würde, habe ich vor ein paar Tagen den Ritt von Isabell Werth kommentiert und auf Facebook und YouTube eingestellt. Damit habe ich eine Diskussion ausgelöst,  Angriffe und Anfeindungen geschaffen mit denen ich nicht im Entferntesten gerechnet hätte…

Wie kann man die Grande Dame des deutschen Dressursportes kritisieren? Eine Frau, die mehr Medaillen zusammengeritten hat, als ich je sehen werde. Das stimmt. Ich werde sicherlich in diesem Leben keine Medaillen mehr erreiten…. Aber sind Turniererfolge heute noch ein Maßstab für richtiges und gutes Reiten? Für die Gesunderhaltung des Pferdes? Mit hundertprozentiger Sicherheit nicht. Sie sind ein Maßstab dafür, wie viel man aus einem Pferd herausholen kann.

Mit richtig oder pferdegerecht hat das schon lange nichts mehr zu tun. Leider!

 

Die Frage ist nur, zu welchem Preis werden heute Medaillen errungen? Wie viele Pferde sind in den letzten Jahren aus dem nationalen und internationalen Sport verschwunden? Warum unterstützen Sponsoren eine solche Reiterei und wo ist der Tierschutz? Sind alle diese Pferde in der Führmaschine über einen Jack Russel gestolpert oder beim Absamen vom Phantom gefallen, so dass man daraus keine Erkenntisse herleitet?

Die Schimmelstute Matiné ist das sicherlich das erste Beispiel, was vielen einfallen wird: Spektakuläre Bewegungen und ein massiv schlagender Schweif. Die einen bezeichneten sie als Ausnahmepferd, die anderen als Untergang für unserer Reitauffassung: Ein nachhaltiger schlagender Schweif als Zeichen massiver Unzufriedenheit und Verspannungen des Pferdes oder doch eher das Ergebnis der heutigen Zucht? Erklärungen gab es viele.

Herr Stecken sagte dazu zu Lebzeiten immer: „Der Schweif ist die Verlängerung des Rückens und das Pferd wird damit entweder nachhaltig schlagen oder ihn gerade nach hinten weg strecken, um sein Unwohlsein und die Verspannungen zu zeigen.“

Seine Worte sind verhallt und heute hat man sich offensichtlich so daran gewöhnt, dass man es kaum mehr zur Kenntnis nimmt. Nur hat sich das damit verbundene Problem für das Pferd nicht aufgelöst. Denn die Verspannungen sind die gleichen und die weiteren Auswirkungen, die sich irgendwann in gesundheitlichen Schäden zeigen auch!

Dann kam als nächstes großes Desaster die Geschichte des „Wunderpferdes“ Totilas. Als die EM in Aachen anstand hatte ich Herrn Lauterbach im Vorfeld eine Mail geschickt mit der Bitte, dem Hengst diese Strapaze nicht mehr anzutun, da ich a) überzeugt war, dass das Pferd das nicht mehr durchhalten würde und da b) diese Reitweise ein weiterer Sargnagel für unsere überlieferten Grundsätze der Ausbildung und somit unserer Reitauffassung ist.
Beantwortet wurde meine schriftliche Bitte mit einer netten Mail, die im O-Ton vermittelte, dass ich erstens keine Ahnung hätte, zweitens der Hengst fit sei und drittens die wirklichen Spezialisten schon wüssten, welche Entscheidung sie treffen würden. Wussten sie das oder hat sie das sich abzeichnende Schicksal des Hengstes nicht mehr interessiert? Noch einmal richtig Aufsehen erregen und aus dem geschundenen Tier die letzten Euros herauspressen?

Das Ergebnis war für die Dressurnation Deutschland ein absolutes Desaster! Ein jubelnder Reiter auf einem lahmen Pferd! Was für eine Katastrophe…. Wie wenig Gefühl muss ein Mensch haben, wenn er nicht einmal realisiert, dass das Pferd unter ihm lahm geht? Ich saß vor meinem Fernsehgerät und habe überlegt, ob die Verantwortlichen alle Tomaten auf den Augen haben oder was noch schlimmer ist, so wenig Ahnung von dem was sie tun…????

 

Tryon 2018

Ich dachte, ich habe ein Déja Vue. Nicht nur Bella Rose, sondern auch das Pferd der Weltranglisten Ersten oder das von Charlotte Dujardin. Egal, wo man hinschaute: Spektakuläre Gestrampel, enge Hälse, grob einwirkende Reiter, nach hinten herausgestellte Hinterbeine, schlagende Schweife und feste Rücken. Ist das unsere Reitkunst von heute?
Hat das nicht Dr. Joachim Bösche schon 2002 in seinem Vortrag über die ‚Engen Hälse‘ der deutschen Richtervereinigung irgendwie vermitteln wollen? Offensichtlich auch er ohne Erkenntnisse bei den Zuhörer und ohne Konsequenzen für unsere heutige Reitweise geblieben.

Natürlich werden die Anhänger unserer erfolgreichen Reiter jetzt wieder auf die Suche nach Fehlern in meinen Artikeln, Videos, Fotos und Kommentaren gehen, um Nebenkriegsschauplätze aufzumachen und mich als Kritiker so zu diskreditieren. Es geht hier aber nicht um Nebenkriegsschauplätze, sondern darum, dass unser wunderbarer Sport zu Kommerz zu Lasten des Pferdes verkommt. Eine Hinrichtung in alle Richtungen. Das Pferd als Mittel zum Zweck, als Weg zu Erfolgen, Medaillen und Fördergeldern für den Verband.
Das Pferd als Lebewesen mit Gefühlen, Ängsten und Schmerzen kommt dabei ganz zum Schluss. Was für ein Trauerspiel.

 

Der Freizeitsport

Auch hier ist es nicht anders! Jeden Tag eine neue Methode, jeden Tag ein anderer Ausbildungsweg und wenn man diesen Irrsinn dann unter biomechanischen Gesichtspunkten in Frage stellt, wird einem vorgeworfen, man sei antiquiert, würde nicht über den Tellerrand schauen, sei ein FN-Reiter, Tierquäler und was für Erkenntnisse manch einer aus mahnenden Worten herauszieht.

Das Ergebnissen ist allerdings in allen Bereichen das gleiche:

Wenn das Pferd kaputt geht, dann hat man etwas falsch gemacht. So einfach ist das! Dann ist es egal, ob das hingerichtete Pferd Totilas, Matiné oder auch Willi Winzig heißt.

Darüber braucht man dann auch nicht mehr zu philosophieren.

 

 

10 Kommentare

  • Jeannette Antworten

    Ich bin froh, dass Sie den Mut haben, so offen die Probleme anzusprechen. Noch nie konnte ich den Trubel besonders um Frau Werth verstehen. Als ich damals mit der Reiterei begann und anfing Turniere im Fernsehen zu verfolgen, verritt sie sich oder das Pferd erschrak ect und dennoch wurde sie gelobt und bekam sensationelle Punktzahlen. Damals hatte ich noch nicht viel Ahnung, doch empfand dies bereits als äußerst fragwürdig.
    Ich habe mir das Video mit kommentiertem Ritt gerne Angeschaut, da es sachlich vorgetragen wurde. Es ist eine schöne Möglichkeit sein Auge zu schulen.
    Ich kann mir Turniere schon lange nicht mehr ansehen, da es mich wütend macht, wie mit den Tieren umgegangen wird. Die sogenannten Vorbilder leben es falsch vor und die breite Masse macht es nach. Man hinterfragt nicht mehr sein eigenes Handeln oder die Zeichen vom Pferd, dabei versucht es doch nur seinem Unbehagen kund zu tun. Natürlich gibt es auch noch gute Reiter, solche die fair zu dem Lebewesen Pferd sind, welches man doch als Partner und nicht als Mittel zum Zweck ansehen sollte. Mich schockiert jedoch auch zunehmend die Entwicklung unter den Freizeitreitern. Es gibt ständig neu „Gurus“, die neue Hilfsmittel auf den Markt bringen… Was ist aus dem klassischen Weg geworden, sein Pferd schonend und auf seine Bedürfnisse abgestimmt das Pferd auszubilden. Ein kompetenter Reitlehrer, der einen fördert und fordert, aber auch hilft eigene Fehler zu hinterfragen und sich selbst zu reflektieren. Gerade als Freizeitreiter, der sein Hobby selbstständig finanziert, sollte man doch ein gesundes Pferd anstreben, wenn man es aus rein finanziellen Aspekten betrachten möchte. Jedoch begegnen mit mittlerweile zunehmend Reitlehrer, die es sich leider auch leichter machen, egal ob mit Halsverlängerern, Schlaufzügeln oder anderen Hilfsmitteln…. Man sollte doch richtiges Reiten vermitteln wollen. Ich verteufle nicht prinzipiell jegliches Hilfsmittel. Jedoch wird man in manchen Ställen inzwischen fast schon bewundert, wenn das Pferd losgelassen ohne Hilfsmittel unter einem trabt oder müde belächelt. Für mich persönlich ist es wichtig, dass meine Pferde ein langes und gesundes Leben führen. Ich bin sehr ehrgeizig, jedoch zeigen mir meine Pferde schnell, wenn sich dadurch „falscher Druck“ aufbaut. Ich bestrafe sie nicht dafür oder ähnliches. Ich bin dankbar, dass sie sich mir mitteilen und hinterfrage dann mein Handeln. Es muss ja nicht immer am Reiter liegen, manchmal ist das Bearbeitungsintervall der Hufe zu lang, der Sattel passt nicht mehr optimal oder das Pferd ist auf der Koppel weggerutscht, aber um das herauszufinden, sollte ich das Pferd nicht mit Kraft in die Tiefe ziehen sondern selbstkritisch auf Ursachenforschung gehen.
    Ich empfinde Ihre Artikel als lehrreich und finde, Sie sollten unbedingt so weiter machen. Vielleicht wird wenigstens der ein oder andere dadurch zum Nachdenken angeregt. Es ist schade, dass heutzutage derartig schnell Anfeindungen und ähnliches losgetreten werden, wenn man wagt seine Meinung zu veröffentlichen.

  • Bert Debets, Niederlande Antworten

    LIEBE Anne Schmatelka,

    Ich bin Niederländer also entschuldigen Sie meine Fehler.

    Ich war auf der „Suche“ nar Ihnen. Sa Ihren Kommentar auf You Tube , und dan war ehr verschwunden und wusste sofort warum!! Ich stimme Ihnen völlig zu in ALLES was sie sagen. Sie machen aber leider einen grossen Denkfehler: man mochte überhaupt nicht besser reiten können .Ich bin 666 Jahren jung und habe mein ganzes leben mit Pferden verbracht , mit den alten Fuhrmänner und Bauern. Denken Sie bitte an Schiller: mit der Dummheit kampfen sogar die Gotter vergebens. Hier ist das absoluut so. Es gib fast keine wirklichen Pferdeleuten mehr . Seit das Betreten von Ritmeister Swarovski im Reitershop hielt die Reitkunst op!!!!!
    Pferden sind nur noch Möglichkeiten um gewiesen Bedürfnissen zu etablieren /zu befriedigen. Und nicht mehr.
    Sie wiesen Dummheit und Stolz ………………!
    Ich habe es schon lange aufgegeben , resigniert. Wir sind die letzten der Pferdeleuten. Die Leuten die Heute reiten ,kommen aus einer vollich andere Welt , und sind nicht zu lernen fahig , und wollen auch NICHT.
    Ich will ihr Commentaar gerne wieder mahl sehen , ich war sehr froh darüber.

    Ich wunsche ihnen viel Kraft, und vielleicht sieht man sich mahl.

    Bert Debets
    Niederlande
    0622528728

  • Oliver Dettmar Antworten

    Hallo Frau Schmatelka,
    vielen Dank für Ihren Mut, öffentlich das Offensichtliche über Isabel Werth und ihre Reitweise zu posten.
    Sie haben das sehr kompetent gemacht. Ich wünsche Ihnen die nötige Kraft und Unterstützung, die Anfeindungen zu ertragen.
    Diejenigen, die es nicht wahr haben wollen, werden es auch nicht annehmen. Aber diejenigen, die das auch sehen, aber unsicher sind, denen hilft es viel, wenn eine kompetente Person wie sie es auf den Punkt bringt.
    Die Pferde können sich ja leider nicht selbst wehren. Aber jedem Pferdebesitzer, der durch Ihren Beitrag unterstützt wird, erspart möglicherweise seinem Pferd ein ähnliches Schicksal.

    Herzliche Grüße aus Göttingen
    Oliver Dettmar

    • Anne Schmatelka Antworten

      Danke 🙂

  • Linder Nadja EMOTION Sportpferde CH Antworten

    Liebe Frau Schmetalka,
    Vielen Dank für Ihre überdeutlichen Worte und den herausragenden Mut…
    Kurz und bündig auf den Punkt gebracht sind ihre Kritiken…
    Unserem Freddie Knie in der Schweiz kommen bei solchen Bildern auch die Tränen…
    Nur darf er sich nicht so exponieren als Direktor des Schweizer Nationalzirkus Knie.
    Deshalb GROSSEN DANK für diese deutlichen Kritiken.
    Liebe Grüsse aus der Schweiz

    N.Linder

  • Julica Valentiner Antworten

    Liebe Anne Schmatelka,

    vielen Dank für Ihren Mut und Ihr gutes Auge mit dem Sie sehr klar dokumentiert haben wie sehr die Dinge im Pferd biomechanisch und psychisch zusammenhängen. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Durchhaltevermögen. Viele Grüße aus Hamburg Julica Valentiner

  • Dominique Antworten

    Thank you! Stupidity, ego and money…very very sad…

    • Anne Schmatelka Antworten

      Leider ist es so….

  • Lillian Kirsten Antworten

    Liebe Anne Schmatelka,

    ich möchte mich der obigen Kommentare anschliessen.
    Danke, dass Sie den Mut haben. Ich habe Ihren Kommentar zu Isabell Werths Ritt in Tryon genossen auch weil Sie in Ihrer Kritik sachlich bleiben, leider wird die Wahrheit nicht immer gern gehört, schon gar nicht wenn es um Geld, viel Geld geht und Anhänger und Richter verblendet sind. Ich hoffe noch viele Beiträge von ihnen zu hören und lesen. Ihr Wissen und die Art wie Sie Ihr Wissen vermitteln ist für mich Motivation pur. Vielen Dank und bleiben Sie stark.

    Viele Grüsse aus Dänemark, Lillian Kirsten.

  • Claudia Weinmann Antworten

    Liebe Frau Schmatelka,

    per Zufall stolperte ich über das Video, Isabell Werth in Tryon 2018 das kurz danach nicht mehr mit Ihrem Kommentar zu sehen war. In unserem kleinen Privatreitstall sind wir Ihrer Meinung, auch wir sehen die Entwicklung in der Sportreiterei sehr sehr kritisch. Es geht nicht um das Wohl der Pferde, eingeschnürt, Hälse oft hinter der Senkrechten, grobe Reiter, nach hinten herausgestellte Hinterbeine und feste Rücken und dies bewertet mit besten Noten. Wie geht dies, was ist mit den Richtern los? Sie sind doch angeblich sehr gut ausgebildet. Worum geht es wenn nicht um das Wohl der Pferde? Ich möchte Ihnen Dank sagen für Ihren Mut, wir müssen die falschen Vorbilder enttarnen, genau so wie Sie es gemacht haben mit fachlichen sachlichen Kommentaren.
    vielen Dank.
    Claudia Weinmann

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