Kompensationsläsionen vermeiden?!

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Wie kommt es zu Kompensationsläsionen?

Reiter haben unterschiedliche Ziele und Interessen, wenn es um die Ausbildung oder das Arbeiten mit dem Pferd geht. Das kann für die Gesundheit des Pferdes förderlich sein, es kann aber auch zu fehlerhaften Belastungen führen. Das kann daran liegen, dass das Pferd für die Aufgabe oder Anforderung noch nicht genügend Kraft, die Muskeln noch nicht ausreichend stark sind, es nicht ausreichend elastisch ist, die Anforderung auch mental noch nicht verarbeiten oder ihm einfach die grundsätzlichen Möglichkeiten fehlen.

Aus diesem Grund ist eine gute Grundausbildung sehr wichtig, denn sie schafft die notwendige Kraft und Elastizität, um die Anforderungen des Reiters erfüllen zu können.

  

Kompensationsläsionen

Der Sportpartner Pferd muss die Leistungen die in der Ausbildung von ihm verlangt werden nicht selten gegen seine Natur bewältigen. Dies führt schnell zu Kompensationsläsionen. Das heißt, das Pferd versucht Probleme im Bewegungsapparat zu kompensieren. So kann es sein, dass es durch eine Verspannung eines Muskels einen anderen Muskel auch nicht korrekt bewegen kann. Es versucht diese Bewegungseinschränkung durch einen weiteren Muskel zu kompensieren/auszugleichen. Dadurch kommt es zu einer erneuten Kompensation. Der kompensierende Muskel muss nun mehr Arbeit leisten, da er die Arbeit des verspannten Muskels mit leistet. Dadurch kommt es in diesem Muskel auch zu einer Überlastung und somit zur Verspannung. Man nennt dies dann Kompensationsläsion, da sie durch die Kompensation entstanden ist und nicht das eigentliche, primäre Problem darstellt. Ein Beispiel dafür ist die Trageerschöpfung, die Sehnenprobleme oder arthrotischen Veränderungen in der Folge hervorrufen kann etc.
Auch wenn junge Pferde wegen ihrer Zuchteigenschaften teilweise schon sehr früh „fertig“ bzw. stabil und kräftig in ihrem äußeren Erscheinungsbild wirken, so zeigt das Bild „Entwicklungsdauer (im Artikel Trageerschöpfung zu finden), dass eine schnellere Entwicklung eines Pferdes aufgrund anatomischer Strukturen und Gegebenheiten nicht möglich ist. Das heißt im Ergebnis, dass ein zu frühes Anreiten, ein nicht auf die Möglichkeiten angepasst Training oder eine falsche  Grundausbildung mehr Schaden als Nutzen bringen.

 

Es beginnt schon im Fohlenalter

mutter_fohlen_5 Foto: Christine Harrison

Die Grundlage für die Gesunderhaltung wird schon in der Aufzucht gelegt. Darf ein Fohlen in einer Gruppe aufwachsen, die mit gleichaltrigen Fohlen besetzt ist, lernt es sozialen Umgang, hat ausreichend Bewegung. Das ist für die körperliche Entwicklung, Koordination und Balance wichtig und es kann für die spätere Grundausbildung viel Positives mitnehmen.
Natürlich können Verletzungen entstehen, aber charakterliche Probleme und Fehlbildungen beispielsweise von Sehnen, des Knochenstoffwechsels oder des allgemeinen Stoffwechsels können oftmals vermieden werden, was eine längere Gesunderhaltung eher gewährleistet.

In der heutigen Zeit wird das Durchschnittsalter eines Sportpferdes auf 8-10 Jahre geschätzt. Erschreckend! Diese Zahl sollte Anlass dazu geben, die oft vertretene Einstellung und Praktizierung von früher Ausbildung und Leistungsprüfungen zu hinterfragen. Denn diese bringt häufig nur kurzfristigen Erfolg und geht nicht sehr oft zu Lasten der Gesundheit des Pferdes. Leider ist dies auch im Freizeitbereich zu sehen, da dort vielfach ohne Leitfaden und gesunderhaltende Aufbauarbeit geritten wird.

 

Pferde mit Handycap

Bei Pferden mit Handycap sollte sehr sorgfältig vorgegangen werden. Dessen sollte sich jeder bewusst sein, der sich ein Pferd kaufen möchte oder besitzt. Egal für welche Disziplin oder auch wenn es nur für den Freizeitbedarf ist, ist es unverzichtbar, dass auch ein Pferd, dass beispielsweise nur zum „Spazierenreiten“ genutzt wird, gesunderhaltend und muskelaufbauend zu arbeiten. Das kann man auch im Schritt schon trainieren.

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Auch beim gemütlichen Ausritt sollte das Pferd immer wieder einmal in korrekter Anlehnung – am besten mit Zügel aus der Hand kauen lassen – vorwärts-abwärts geritten werden.

 

Auch einem am langen Zügel oder nur im Gelände gerittenen Pferd wird ein gewisser Muskelbestand abverlangt. Reiter man beispielsweise nur am langen zügel durch das Gelände, um das Pferd mit Handycap zu schonen, kann das der falsche Weg sein, denn so kann das Pferd nicht die notwendigen Muskeln aufbauen, die es braucht. Die logische Konsequenz sind weitere Kompensationen, die wiederum zu falschen Belastungen führen, die wiederum weitere Überlastungen nach sich ziehen.

Beim Reiten sollte immer wieder mit Zügel aus der Hand kauen lassen geritten werden und zur vollen Entspannung und Belohnung am langen Zügel mit Genickkontrolle geritten werden. Das Pferd kann dadurch lernen, nicht wie viele befürchten „komplett auseinanderzufallen“, sondern die vorher arbeitenden Muskeln zu entspannen, die Seele baumeln zu lassen, das Gebiss anzunehmen und den Rücken herzugeben.

 

Reiten aus biomechanischer Sicht

Gehen wir nach der Skala der Ausbildung, sind Takt-Losgelassenheit-Anlehnung-Schwung-Geraderichtung-Versammlung als Leitfaden vorgegeben. Die Punkte bauen aufeinander auf und kein Punkt sollte übersprungen bzw. ausgelassen werden, denn damit funktioniert das gesamte System nicht mehr.

Das Pferd braucht ein gewisse körperliche und geistige Reife und genügend Vertrauen zum Reiter und/oder Ausbilder, bevor eine weitere Ausbildung möglich ist. Sind Gleichgewicht, Takt und Losgelassenheit noch nicht gegeben, kann eine fehlerhafte Anlehnung – wie beispielsweise Nase immer hinter der Senkrechten, falsch verschnallte Hilfszügel etc. – fatale Folgen für die Gesundheit des Tieres haben.

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BU: Junge Remonte auf einem Turnier. Eine solche Reitweise führt mit der Zeit immer zu gesundheitlichen Problemen.
Wenn die Nase nicht ausreichend vorgelassen wird oder wenn Hilfszügel das Pferd bei fehlerhafter Verschnallung fixieren, verhindert das einen korrekten Muskelaufbau. Das Pferd kann sich nicht loslassen und verspannt zusehends. Es kommt zu einem falschen Knick, Schäden am Nackenband oder am Schleimbeutel im Genick, Rückenprobleme, oft schon in jungen Jahren zu Sehnenschäden.

 

Der Hals stellt eine Balancierstange für das Pferd dar. Dies ist im Freilaufen sehr gut zu beobachten, das Pferd trägt den Hals teils eher in Außenstellung. Ein enger Hals oder die Fixierung des Halses und des Kopfes mit Hilfszügel, führt häufig zu Takt- oder Gangfehlern und endet in einer fehlenden oder falschen Muskelaktivität.  Folgen sind fehlerhafte Bemuskelung und pathologischer Zug an knöchernen Strukturen.

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Diesem Pferd fällt es noch schwer, sich auf die gebogene Linie korrekt einzustellen. In einem solchen Fall kann es sinnvoll sein, in der Anfangszeit eine leichte Außenstellung zuzulassen. In einer solchen Situation eine Innenstellung zu erzwingen, würde nur zu Verspannungen führen.

 

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Eine korrekte Anlehnung entsteht nicht aus einer massiven Handeinwirkung, sondern da sich das Pferd selbst tragen kann und das Gebiss annimmt.

 

Ein Pferd kann die korrekte Anlehnung erst suchen, wenn die obere Verspannung durch Untertreten und Aktivwerden der Hinterbeine richtig arbeitet und somit der Rücken hergegeben wird. Alles andere führt zu Verspannungen und degenerativen Problemen an knöchernen Strukturen, was auf alle Fälle eine weitere Ausbildung erschweren und zu frühzeitigem gesundheitsbedingtem Ausfall führen kann.
Ist der korrekte biomechanische Ablauf der Anlehnung gegeben, dann tritt das Pferd schwungvoll von hinten nach vorne, mit einem aktiven Hinterbein und einem schwingenden Rücken an die Reiterhand. Die Muskeln können richtig an- und abspannen. Wenn das Pferd dabei ein auf beiden Händen eine gleich konstante Anlehnung zeigt und Übergänge geschmeidig erfolgen, kann an den weiteren Stufen der Ausbildung gearbeitet werden.

 

Egal welchen Ausbildungsstand man erreicht hat, eine korrekte Basis sichert nicht nur das Vorankommen, sondern auch die positive und vitale Arbeitseinstellung.

Hierfür ist nicht nur ein gesundes Fundament wichtig, sondern auch ein Ausbilder/Reiter, der vor allem an der Gesunderhaltung und Motivation des Pferdes interessiert ist. Daneben sind korrekte Haltungsbedingungen unverzichtbar und ein Reiter, der sich und seine Arbeit immer wieder kritisch überprüft.

 

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