Die korrekte Grundausbildung des Pferdes

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Die korrekte Grundausbildung des Pferdes ist das A und O für die Gesunderhaltung 

Physiotherapeutische Gedanken….

Braucht ein Pferd eine korrekte Grundausbildung? Was ist ihr Ziel und warum ist sie wichtig? Darüber wird seit Jahren diskutiert. ­­­
Vielleicht reicht es ja sogar aus, wenn man mit seinem Pferd gemütlich ins Gelände geht oder sollte man doch eine gewisse Elastizität erreichen, damit es bis in das hohe Alter gesund bleiben kann?

Medizinisch betrachtet gibt es darauf nur eine Antwort: Ohne eine korrekte Grundausbildung, das heißt auch ohne entsprechende dressurmäßige Arbeit, die die Rippengeschmeidigkeit fördert und erhält, bei der das Pferd geraderichtet, Schub- und Tragkraft verbessert wird, wird ein Pferd im Laufe der Zeit steif, Muskeln entwickeln sich nicht richtig oder nicht an den notwendigen Stellen.
Da geht es dem Pferd wie uns Menschen auch – wer rastet, rostet.

 

In der korrekten Grundausbildung des Pferdes sollte zwingend auf die individuellen Entwicklungen in körperlicher und psychischer Hinsicht und auf die Reife des jeweiligen Pferdes Rücksicht genommen werden. Nicht nur die junge Remonte, sondern auch eine alte Remonte kann von ihrer körperlichen Konstitution wie zum Beispiel spätere Wachstumsschübe noch nicht fertig entwickelt sein. So sollten Pferde, die noch ungleich in der körperlichen Entwicklung sind wie beispielsweise hinten überbaut, gesamte Oberlinie noch unterentwickelt – mehr Zeit für ihre Entwicklung gegeben werden. Die gesamte Biomechanik und Anatomie können noch unterentwickelt und damit unfähig sein, ein Reitergewicht zu tragen.

Die Fotos dieser komplett unterschiedlichen Pferde zeigen, wie verschieden Pferde sein können:

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3-jährige Remonte, noch sehr überbaut

 

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4-jährige Remonte – noch roh. Man sieht deutlich, dass sich das Pferd noch vollständig in der Entwicklung befindet.

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4-jährige Remonte, die schon aussieht, wie ein „fertiges“ Pferd.

 

 

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7-jähriger Wallach, bei dem in der Ausbildung auf wichtige Grundlagen verzichtet wurde. Das Pferd hat ein stark ausgeprägten Unterhals, einen schlecht bemuskelten Rücken und eine wenig bemuskelte Hinterhand. Der Rücken ist abgesunken.

 

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6-jähriger Wallach, bei dem auf eine gute Grundausbildung wert gelegt wurde und der schon zu Beginn seines Reitpferdelebens viel ins Gelände gegangen wurde.

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9-jähriger Wallach, bei dem auf die Grundausbildung verzichtet wurde: Der Rücken ist hinter dem Widerrist abgesunken. Es ist eine deutliche Schwellung über dem Darmbein zu erkennen. Die Muskulatur des Rückens ist wenig ausgeprägt.

 

Die Grundlagen

Durch Longen- und Handarbeit, Arbeit im Gelände (wozu auch Spaziergänge an der Hand zählen) hat das junge Pferd die Möglichkeit, auch seine Trittsicherheit zu schulen – durch Klettern am Berg, wichtige Muskeln der Vor- und Hinterhand zu trainieren und durch die äußeren Einflüsse auch mehr kennenzulernen. Die Ausbildung am Boden in passendem Maße hilft hier dem Pferd Vertrauen zu sich und dem Menschen aufzubauen und ausreichende körperliche „Stabilität“ zu entwickeln. Wird in solchen Fällen zu früh mit Sattel und Reitergewicht gearbeitet, kann dies zu irreparablen Schädigungen im gesamten Trageapparat führen.

Über fasziale Verbindungen nehmen nicht nur die Strukturen des Rückens Schaden, sondern es setzt sich auch in weiter entfernten Strukturen fest. Durch den Versuch des Pferdes, das Reitergewicht und seinen eigenen Körper in der Bewegung koordinieren zu wollen, besteht die Gefahr von Läsionen (eine Läsion stellt eine Verletzung oder Einschränkung einer anatomischen Struktur da, die ihren normalen Bewegungsablauf nicht mehr korrekt ausführen kann) z.B. am Sehnenapparat.

 

Die Faszien

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Die Halsfaszie sitzt am Schulterblatt.

 

Faszien – fasziale Verbindungen: lat. Fascia – Band/Bündel, bildet ein Netz aus kollagenem fasernem Bindegewebe, das alle Strukturen im Körper (Organe, Muskeln, etc.) umhüllt und miteinanderverbindet. Faszien verbinden nicht nur die Strukturen miteinander, sie halten diese auch während der Bewegung an ihren Plätzen. Sie halten den Körper beweglich und fangen bei Bewegung auch die Stöße ab. Entstehen dort durch fehlerhaftes Training, falsche Fütterung oder andere äussere Einflüsse Verklebungen, findet keine Stoßabsorbierung in der Bewegung und kein Gleiten der verbundenen Strukturen statt. Der physiologische Bewegungsablauf wird dadurch gestört und eine Versorgung der betroffenen Strukturen kann nicht stattfinden. Durch die Verbindung der einzelnen Strukturen haben Einschränkungen in den Faszien eine fatale und grossflächige Auswirkung auf alle weiteren Organe, Gelenke und Muskeln, etc.

 

Belastung  – Überlastung – Trageerschöpfung

Durch Überlastung kann es im Bereich der Oberlinie und des abdominalen Bereiches zu sogenannten Trageerschöpfungen kommen. Eine Trageerschöpfung ist eine Schädigung des „Trageapparates“, d.h. den für das Tragen des Reiters und für die Bewegung zuständigen Strukturen. Betroffen sind die Oberlinie, Nacken- und Oberdornfortsatzband. Auf diese kommt im Falle einer Trageerschöpfung ein sogenannter falscher Zug. Die komplette betroffene Muskulatur verspannt sich und bildet sich mit der Zeit zurück, sie atrophiert. Das Brustbein sinkt ab und wird oftmals nach vorne heraus deutlich sichtbar/tastbar. Schwungvoller Gang, korrekte Anlehnung und Rückentätigkeit sind dadurch nicht mehr möglich. Eine Trageerschöpfung ist meist ein schleichender Prozess, der sich über Monate und Jahre durch fehlerhafte Ausbildung hinziehen kann und für das Pferd sehr schmerzhaft ist. Ebenfalls kann es durch Kompensationen zu Problemen an den Gliedmaßen führen, im schlimmsten Fall zu degenerativen Weichteilschädigungen (zum Beispiel Fesselträger- und Sehnenschäden) oder sogar zu  Ermüdungsfrakturen, da die betroffenen Strukturen dieser Belastung noch nicht komplett Stand halten kann.

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Das Aussehen des Pferdes weist auf eine fehlerhafte Ausbildung hin. Stark ausgeprägter Unterhals, schwach bemuskelte Hinterhand, abgesunkener Rücken. Das Pferd steht nicht geschlossen.

 

Ein junges Pferd muss nicht nur körperlich wachsen und Zeit für den notwendigen Aufbau haben, sondern auch Möglichkeit für die psychische Entwicklung erhalten. Die junge Remonte bekommt bei korrekter Ausbildung Tag für Tag mehr Stabilität und Kraft, die Muskulatur bildet sich korrekt aus und die knöchernen Strukturen können sich nicht nur gesund entwickeln, den Körper korrekt bewegen und halten, sondern auch lange leistungsbereit bleiben. Verschleiß findet immer bei Überlastung statt; durch fehlerhafte Einwirkung, die zu falscher Bewegung und Versorgung führt.
Ein älteres und reiferes Pferd hat nach einer korrekten Grundausbildung eine Basis, die sowohl im Bewegungsablauf wie auch in der Arbeitsmotivation sichtbar ist. Frühzeitige Anfälligkeiten für Krankheiten im Bewegungsapparat wird so meist schon entgegengewirkt.

 

Wir haben diesen Fachartikel in drei Teile aufgeteilt.
Der nächste Teil wird in den nächsten Tagen hochgeladen und befasst sich unter anderem mit dem Thema „Trageerschöpfung“…

 

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