Nach dem Sehnenschaden – Aufbautraining!

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Nach dem Sehnenschaden – das richtige Aufbautraining!

Mit Schritt reiten fängt der Aufbau nach dem Sehnenschaden wieder an. Ist der Boden rutschfest und nicht tief, kann es neben dem Reiten auf harten Wegen auch auf einer Wiese sein.

 

So schnell geht es: Das Pferd wird in den Stall geführt, erschreckt sich, springt zur Seite und schlägt mit dem Bein gegen den Aufhänger der Bodenbefestigung der Tür und Rums: Äußere und tiefe Beugesehne massiv verletzt. In vielen weiteren Fällen entstehen Sehnenschäden durch fehlerhaftes Reiten und Ausbilden, durch zu frühe und falsche Belastung, durch Fehler bei der Hufbearbeitung und beim Beschlagen.

Der Sehnenschaden ist der Horror eines jeden Pferdebesitzers oder Reiters.

So ging es mir auch, als sich eines unserer Pferde die Sehne am Türvorsprung angeschlagen hat. Abschließend hat das Pferd über ein Jahr gestanden und hat eine dauerhafte Schädigung und Vernarbung an der tiefen- und oberflächlichen Beugesehne davon getragen. Auch die Flüssigkeitsansammlung ist nicht ganz zurückgegangen. Das wird vermutlich auch bleiben. Das Pferd ist glücklicherweise absolut schmerz- und lahmfrei und auch nach Belastung wird die Flüssigkeitsansammlung nicht mehr, die Sehne nicht warm oder gar druckempfindlich. Für den größeren Sport ist ein Pferd mit einem solchen Schaden jedoch nicht mehr einsetzbar.

 

Eine Woche nach dem Trauma sah die Sehne so aus:

 

Sieben Monate nach der Verletzung:

11 Monate nach der Verletzung dann so:

Sicherlich muss man nach einer solchen Verletzung Abstriche machen. Baut man es aber richtig auf, kann das Pferd mit dem ‚Problem‘ gut leben und kann – macht man es richtig und lässt sich Zeit – damit auch wunderbar ohne Beeinträchtigung geritten werden. Für einen GrandPrix würde ich jetzt nicht mehr trainieren, aber für gut gerittenen Lektionen auch bis auf S-Niveau, einen richtig flotten Galopp im Gelände und Versammlung bis zu einem gewissen Grad kann man sein Pferd bei einem normalen Sehnenschaden immer wieder aufbauen. Man sollte allerdings vom Tierarzt eine Prognose haben, damit man ungefähr einschätzen kann, wo die Grenzen sind.

Bei Pampi war die Aussage des behandelnden Tierarztes ziemlich einfach: “Er ist jetzt 12 Jahre alt und bei dem Alter gibt es zwei Möglichkeiten: Sie schicken ihn jetzt in Rente oder Sie schieben ihn wieder an. Wenn Sie damit noch 6-8- Monate warten, können Sie es lassen, weil er einfach irgendwann zu steif wird. Entweder er hält oder nicht. Eine andere Aussage kann Ihnen niemand geben. Probieren Sie es aus!“

 

Nachdem ich diese Prognose verdaut hatte, habe ich angefangen, ihn vorsichtig wieder aufzubauen. Im Hinterkopf hat man erst einmal immer die Angst, dass man etwas falsch machen könnte, zu viel machen könnte oder sich das Pferd auf der Weide verletzten könnte. Alle diese Gedanken sollte man versuchen zur Seite zu schieben. Damit hört man nämlich auf zu Reiten, denn vor lauter Vorsicht, gymanstiziert man sein Pferd nicht, hält das Hinterbein nicht aktiv und reitet nicht mehr ausreichend fleißig vorwärts, so dass die Muskeln nicht mehr richtig arbeiten müssen. Dadurch wird das Pferd steif. In der Folge lässt sich das Pferd nicht mehr los, verspannt sich vermehrt und belastet dadurch einzelne Strukturen und damit auch die Sehne durch die Verspannungen falsch. So kommt der nächste Schaden bestimmt.

Also muss man versuchen, seine eigenen Ängste zur Seite zu schieben und den Körper durch die richtige Bewegung zu unterstützen. Wenn man die Sehne nach jedem Reiten kontrolliert und sein eigenes Reiten reflektiert, kann man mit der Zeit sehr gut einschätzen, was man seinem Pferd zumuten kann. Solange die Sehne nicht dick oder warm wird, das Pferd nicht schmerzempfindlich ist oder gar lahm geht, ist im Allgemeinen alles in Ordnung und man kann sein Pensum beibehalten und im Laufe der Zeit langsam steigern.

 

Was man wissen sollte!

Wichtig zu wissen ist, dass die Sehne erst wieder beweglicher und belastbarer – sprich dehnbar – werden muss nach einer Krankheitsbedingten Pause. Im Vergleich zu einem Muskel ist die Sehne nur in einem geringen Umfang dehnbar. Man spricht von 10%. Im Galopp wird die Sehne dabei weitaus mehr belastet als im Trab oder im Schritt.

Je nach Art und Ausmaß der Sehnenschadens kann es also auch sinnvoll sein, seinem Pferd noch einige schöne Jahre auf der Weide zu bieten und auf das reiten zu verzichten. Bei einem Sehnenabriss heilt die Sehne zwar meist wieder irgendwie zusammen, aber die Vernarbung kann dabei extrem groß sein, so dass die Dehnbarkeit der Sehne in Gänze stark eingeschränkt ist. Dann kann es schnell zu einer neuerlichen Schädigung an anderer Stelle der Sehne kommen. So wird der Bereich der Vernarbung immer größer und die Belastbarkeit der Sehne nimmt systematisch ab.

Das gleiche gilt auch bei mehreren Sehnenschäden nacheinander. Sprich: Schaden, Heilung, Schaden, Heilung…. Bei einem solchen Krankheitsverlauf sollte man darüber nachdenken, das Pferd nicht mehr zu arbeiten. Vielleicht einfach nur noch mit ihm spazieren zu gehen und es zu verwöhnen. Je nach Ausmaß der Schädigung kann es sein, dass das Pferd dauerhaft Schmerzen hat und immer wieder lahm ist. Ich denke immer, man sollte das dem Pferd ersparen.

 

Begleitende Maßnahmen!

Da durch eine Sehnenverletzung und durch die damit verbunden Schmerzen ist es wahrscheinlich, dass das Pferd seinen Bewegungsablauf verändert. Das führt an andere Stelle zu Verspannungen und zu Ausweichbewegungen. Dadurch können wiederum Verspannungen, Blockaden und Bewegungseinschränkungen entstehen. Damit diese Bewegungseinschränkungen keine weiteren Folgen haben, hilft Massage und die Behandlungen durch einen guten Osteotherapeuten. Der Therapeut stellt die Beweglichkeit wieder her und die Massage sorgt dafür, dass sich Verspannungen nicht wieder sofort einstellen können und so erneute Bewegungseinschränkungen vermieden werden können.

Bei Sehnenschäden im Bereich der Vorderbeine beispielsweise kommt es immer auch zu einer vermehrten Belastung der Muskulatur des Oberarms. Das kann sich dann auch bis zur Schulterpartie ausdehnen und den gesamten Körper des Pferdes belasten. Die Massage kann dann helfen, die Muskeln locker zu halten und die Durchblutung zu unterstützen. In unserem eBook „Massage – so wird’s locker“ haben wir der Massage der Sehne ein ganze Kapitel gewidmet.

Die Massage der Sehnen fördert die Durchblutung auch beim gesunden Pferd. Sie verbessert so auch die Geschmeidigkeit des Gewebes und kann für den Abtransport von Flüssigkeit sorgen.

Die Massage der Muskulatur an den Vorderbeinen hilft, Verspannungen zu lösen. Das wiederum entlastet auch die Sehne.

 

 

Der Aufbau beginnt!

Reiten durch Wasser macht Spaß und tut natürlich der Sehne gut. Wenn die Pferde dann wie Pampi hier auf dem Zügel aus der Hand kauen lassen beherrschen, ist das auch für den Rücken gleich ein perfektes Training.

 

Wenn Pferde lange gestanden haben, sind sie – auch wenn sie trotz Sehnenschaden immer auf der Weide waren – nicht selten ziemlich sportlich. Wenn man dann als Aufbau die Aufgabe hat, im Schritt ins Gelände zu gehen und auf harten Wegen zu reiten, ist das nicht immer so einfach umzusetzen. Pampi hat die Angewohnheit überall Außerdirdische zu sehen, wenn er nicht ausgelastet ist und dann immer wieder einmal recht motiviert durchzustarten. Mit dieser Aussicht würde ein Ausritt mit wenig Losgelassenheit enden und er wäre hinterher noch mehr geladen als vorher. Also habe ich es anders gemacht:

Neben der Weide befindet sich eine sehr große Wiese, die wir auch zum Reiten nutzen können. Wenn die Pferde neben der Reitwiese auf der Weide stehen, bleibt er ziemlich ruhig und regt sich nicht über alles auf. So habe ich die ersten Tage dort geritten. Die ersten Tage dann auch nur Schritt am langen Zügel und dabei Handwechsel auf geraden Linien. Ich wollte eigentlich nur erreichen, dass er wie ein junges Pferd den Hals fallen lässt und Zügel aus der Hand kauen lassen geht. Das funktionierte wider Erwarten sehr gut und er schnaubte schon gleich am ersten Tag immer wieder entspannt ab, kaute zufrieden auf seinem Gebiss und fand es offensichtlich klasse, dass man sich wieder mehr mit ihm beschäftigte.

Nach vier Tagen habe ich dann das erste Mal wieder eine große Runde getrabt. Dabei war mein Zirkel sicherlich 50-80m groß vom Durchmesser. So konnte ich eine vermehrte Belastung der Sehne verhindern. Nach einigen weiteren Tagen bin ich auch einmal wieder galoppiert. Nach dem Reiten habe ich die Beine kalt abgespritzt und immer DMSO aufgetragen. Das regt die Durchblutung an und hilft, mögliche Flüssigkeitsansammlungen abzutransportieren.

Da sich keine vermehrte Flüssigkeit angesammelt hat, die Sehne weder warm noch druckempfindlich wurde, er auch an der Hand in engeren Wendungen als Test nicht lahm war, habe ich das Training so beibehalten und habe den Ausritt ins Gelände eingebunden.

Natürlich ist er dann auf den ersten längeren Strecken, auf den wir in der Vergangenheit immer galoppiert sind, richtig abgespackt. Erst war ich unsicher, ob ich ihn grob zurücknehmen soll, dann habe ich entschieden, einfach tief durchzuatmen und ihn laufen zu lassen. Das ist der beste Weg, damit das Pferd nach dem Reiten zufrieden ist und sich nicht durch innere Anspannung verspannt.

Der ein oder andere wird jetzt denken, dass es eine riskante Sache war. Für mich war es ein kalkulierbares Risiko und ich kenne mein Pferd seit er in meinen Armen zur Welt kam. Pampi kann sich massiv aufregen und sich dann in Dinge hinein steigern. Dann tänzelt, piaffiert und hüpft er notfalls auch eine Stunde unter dem Sattel. Die Fehlbelastung, die aus dieser Aufregung kommt ist dann ungleich höher als ein kalkuliertes Gasgeben auf einem geraden und nicht rutschigen Weg..

Wie sagte der behandelnde Tierarzt: „Entweder er hält oder nicht….“Im Nachhinein betrachtet, war das der richtige Weg…. Nach dem ersten Schnellstart war er wieder so ruhig und gelassen wie eh und je… Die Luft war einfach raus…

 

Wichtig ist, dass sich die Pferde beim Reiten immer loslassen und den Rücken hergeben. Wenn sie sich loslassen, kommt es zu keinen Verspannungen und damit nicht zu Fehlbelastungen. Wenn man das erreicht, kann man die Anforderungen langsam steigern.

Im Laufe der Zeit kann man dann auch Steigungen und Gefälle im Schritt in sein Training wieder einbinden. Das stärkt Muskeln und Sehnen.

 

Mit der Zeit sollte man dann wieder zu einer Verbesserung der Rippengschmeidigkeit kommen. Das bedeutet, große gebogene Linien, große Schlangenlinien und die große Acht. Auf engerer Wendungen wird man je nach Schwere der Schädigung für die Zukunft ganz verzichten müssen. Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass es bei einer solchen Vorschädigung nicht mehr um den nächsten Grand Prix geht, sondern darum, dass das Pferd mit diesem Problem schmerzfrei alt werden kann und es zu keinen weiteren Schwierigkeiten kommt

Heute sieht sein Training so aus: Ein Tag Longe auf einem sehr großen 30m Durchmesser Zirkel, 1-2 Tage Gelände, ein Tag Dressur und dann wieder einen Tag Pause. An allen Tagen ist er 12-14 Stunden auf der Weide und kabbelt sich mit seiner Schwester.

Bei einem gesundheitlich belasteten Pferd ist es noch wichtiger, dass alles aufeinander abgestimmt ist. Aus diesem Grund muss auch der Beschlag unterstützend ausgebaut sein.

 

Auch der Beschlag muss passen!

Man sieht es heute vielfach, dass die Pferde eine sehr lange Zehe haben und im Trachtenbereich zu tief stehen. Die Pferde stehen dann rückständig. Das führt zu einer vermehrten Belastung des gesamten Sehnenapparates. Es ist unverzichtbar, dass der Hufschmied das Pferd so stellt, dass es zu keiner zusätzlichen Belastung kommt. Ein dauerhafter Zug auf die Sehne ist auch für ein gesundes Pferd schädlich. Für einen Pferd mit Sehnenschaden kann es das frühzeitige Aus bedeuten.

 

Das tut man besser nicht!

Man sieht es oft, dass Pferde zum Aufbau erst einmal über einen längeren Zeitraum longiert werden. Das ist nicht zu empfehlen, denn erstens ist die Wendung an der Longe zu eng und somit die Belastung auf die Sehne zu groß und zweitens kann man unkontrolliertes Bocken, Stoppen und Gasgeben nicht vermeiden. Auch auf Springen und in der Anfangszeit Stangenarbeit sollte man verzichten. Die Belastung auf die Sehne ist zu groß. Reiten ohne Gebiss, Longieren mit Kappzaum oder am Halfter machen die Situation zusätzlich schwierig, da die Pferde dann den Rücken nicht hergeben und das Gebiss nicht annehmen können. Dazu gibt es ja unterschiedliche Ansichten, aber wenn man die Grundlagen der funktionellen Anatomie zugrunde legt, funktionieren alternative Wege nicht!

 

Die eigenen Wünsche stehen erst einmal hinten an!

Pampi war vom Ausbildungsstand mein bestes Pferd. Er ging alle Serienwechsel, Piaffe, Passage und sprang schöne Pirouetten. Es ist nicht einfach, das alles zur Seite zu tun und zu wissen, dass man dieses Niveau vermutlich nicht mehr erreichen kann.

Bei einer so schwerwiegenden Schädigung muss es um das Pferd gehen. Die eigenen Wünsche sind unwichtig.

Heute freue ich mich, wenn es ihm gut geht, er zufrieden abschnaubt und sich beim Reiten ehrlich loslässt. Alles andere kommt oder kommt nicht. Heute wünsche ich uns vor allem anderen noch viele schöne Jahre.

 

Wir werden seine weitere Entwicklung dokumentieren und schauen, wie er sich entwickelt.

Co-Autor: Karsten Gemmeker, Pferdeosteotherapeut

 

 

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2 Kommentare

  • Kolli Preuss Antworten

    Danke für diese interessanten Einblicke. Meine Stute hat es nun, nachdem der erste sehnenschaden hinten so gut wie ausgeheilt war, geschafft sich durch einen koppelunfall auch das andere bisher unversehrte bein am fesselträger zu verletzen. die aussichten sind eher schlecht. wir gehen schritt (spazieren, Führanlage, schritt reiten) und sie wird mit ice vibes, kompressionsbandagen, massage und spezialbeschlag umsorgt. im märz muss ich dann entscheiden, ob es für sie besser wäre den sommer auf der koppel zu verbringen. schwer für mich, da ich sie nicht einfach irgendwo abstellen möchte, sondern sie begleiten möchte. aber letztlich geht es nur um das pferd, wie du ja auch schreibst, und nicht um meine bedürfnisse. ich wünsche dir und Pampi weiterhin viel Geduld und gute Genesung!
    eine Frage: was ist DMSO und wie trägst Du es auf? wird es gewickelt?
    Viele Grüße, Kolli

    • Anne Schmatelka Antworten

      „Dexamethason in DMSO“ ist ein Medikament in Flüssigform, was auf die Haut aufgetragen wird. Es regt die Durchblutung an und hilft unter anderem gegen Flüssigkeitsansammlungen bei Sehnenschäden etc.. Man kann es über den Tierarzt kaufen.

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