Trageerschöpfung und eine korrekte Grundausbildung?!

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Trageerschöpfung und Rückenprobleme vermeiden!

Das Ziel einer korrekten Grundausbildung ist immer: Das Pferd auf beiden Händen gleich geschmeidig zu machen –  es gerade zu richten, um auch die Basis für die weiter Ausbildung zu ebnen und es bis ins hohe Alter gesund zu erhalten. Aus diesem Grund sollte man sich gerade für die Grundausbildung ausreichend Zeit lassen. Weiterhin wichtig ist der korrekte Sitz, das Zusammenwirken der Hilfen und die richtigen Übungen und Lektionen zur rechten Zeit.

Trageerschöpfung

Pferd mit fallen gelassenem Hals im Schritt.

Ziel des Reiters sollte immer sein, dass das Pferd mit hergegebenem Rücken geritten wird. Grundlegend notwendig ist dazu das richtige Zügelmaß.  Das Pferd muss den Hals vorlassen können und zwar so, dass die Nase an die Senkrechte kommen kann. Man muss also immer eine Dehnungshaltung erreichen. Die Dehnungshaltung reduziert sich nicht nur auf Zügel aus der Hand kauen lassen.
Das aktivabfußende Hinterbein kann dann die Bewegung von hinten nach vorne über den Rücken (Brustwirbelsäule) bis über den Hals (Halswirbelsäule) und dem Gebiss an die Reiterhand durchleiten.
Probleme – Was wenn alles schwer fällt?
Der Begriff Trageerschöpfung ist heuzutage ein gängiger Begriff:  Sie geht immer mit Rückenproblemen einher – Über längere Zeit wurde das Pferd entweder falsch geritten oder es wurde viel zu früh mit der Ausbildung begonnen. Alter und Ausbildungsstand entsprechend, sollten junge Pferde beispielsweise nicht zu früh ausgesessen werden. Ebenfalls sind enge Wendungen und ganze Paraden zum Halten im ersten Ausbildungsjahr noch nicht zu reiten, denn sie sind für junge Pferde noch nicht durchführbar. Sie weichen entweder aus, machen sich schief oder widersetzen sich. Das Training muss behutsam erfolgen und auf das Alter und den Entwicklungsgrad abgestimmt werden.
Unpassende Ausrüstung
Eine Trageerschöpfung kann auch durch eine unpassende Ausrüstung gefördert werden. Nicht selten erklären Reiter, dass sich das Pferd ja noch entwickelt und der Sattel erst passen muss, wenn die Entwicklung weiter fortgeschritten oder die Wachstumsphase des Pferdes abgeschlossen ist. Wie soll sich allerdings ein Pferd im Takt losgelassen bewegen, geschweige denn sich Muskulatur korrekt aufbauen, bzw. ihre Arbeit tätigen und die umliegenden Strukturen korrekt bewegen, wenn der Sattel im schlimmsten Falle Schmerzen verursacht!
Ein Pferd fühlt sich unter einem unpassenden Sattel unwohl. Ein nicht passender Sattel führt leider auch zu einer Fehlbelastung, zu Verspannungen, zu Schmerzen. Auch hat es negative seelische Konsequenzen, denn das Pferd bekommt schnell Angst vor dem Sattel und verbindet dann Reiten mit Stress und Schmerzen.

 

Verspannungen
Verspannungen fördern eine Trageerschöpfung. Das Pferd fühlt sich nicht wohl, lässt sich nicht mehr los und mit der Zeit werden aus ersten Verspannungen Schmerzen. Pferde zeigen das dann z.B. sehr deutlich, wenn der Reiter durch Zügel aus der Hand kauen lassen die Losgelassenheit überprüfen möchte und das Pferd sich dann heraushebt und den Reiterhilfen entziehen möchte.

Bei Verspannungen, fehlerhaftem Reiten und/oder wenn durch verschiedene Traumata Einschränkungen im Bewegungsapparat bestehen, kann das Pferd nicht bei länger werdendem Zügel das Gebiss annehmen, sondern rollt sich eher mit der Nase hinter die Senkrechten ein, hebt sich raus oder stößt in die Hand. Dabei tritt auch das Hinterbein im Allgemeinen nicht mehr durch.
Dabei kommt ein falscher Zug auf das Nackenband, die Unterhalsmuskulatur spannt sich fehlerhaft an. Zusätzlich entsteht ein falscher Zug auf die Rücken- und Bauchmuskulatur, der Rücken kann sich nicht mehr aufwölben, da die Hinterbeine nicht mehr aktiv abfußend unter den Schwerpunkt treten (können). Die Muskulatur entwickelt sich langfristig falsch, verspannt und lässt die Gelenke und knöchernen Strukturen und Sehnen nicht mehr korrekt arbeiten. Sie sind in ihrem Bewegungsausmaß eingeschränkt, da die umliegenden Muskeln die korrekte und physiologische Bewegung nicht mehr zulassen können, da sie verhärtet sind und dadurch mit weniger Sauerstoff versorgt werden, was auch eine schlechter Durchblutung zur Folge hat. Das führt vielfach zu frühzeitigem Verschleiß. Das Pferd wird in vielen Fällen mit der Zeit widersetzlich und durch Erkrankungen nicht selten unreitbar.

 

Unzureichende Rückentätigkeit…. Die obere Verspannung

trageerschöpfung2
Die obere Verspannung (hier rot eingezeichnet)
Bei korrekter Rückentätigkeit bildet die Oberlinie eine Wölbung nach oben – dies geschieht durch die obere Verspannung. Diese besteht aus Nackenband, Nackenplatte, Oberdornfortsatzband und den dorsal/oberhalb der Wirbelsäule liegenden Muskeln – daher auch dorsale Muskelkette genannt. Die ventrale Muskelkette/untere Verspannung (bestehend aus Muskeln unterhalb der Wirbelsäule, hauptsächlich Bauch- und Brustmuskulatur) arbeitet als Gegenspieler, sie tätigt bei korrektem Ablauf die unterstützende Arbeit.

Wichtig: Die Nase muss bei der korrekten Tätigkeit der genannten Strukturen an bzw. vor der Senkrechten sein. Bei einer Trageerschöpfung wirkt dies gerade entgegengesetzt. Die obere Verspannung richtet die einzelnen Wirbelkörper nicht auf (kein optisches Anheben), es kommt zum falschen Zug an der ventralen / unteren Verspannung. Dies kann langfristig nicht nur zu Takt- und Gangfehlern, sondern auch zu irreparablen Schädigungen führen, wie z.B. dem Kissing Spine Syndrom (degenerativen Schädigungen an Rückenstrukturen, die das Pferd bei grob fehlerhaftem Training langfristig unreitbar machen können und starke Schmerzen verursachen können), durch fasziale Verbindungen auch an weiter entfernten Strukturen.

Trageerschöpfung_4Foto: Katja Stuppia, Schweiz
Sitz- und Einwirkungsfehler, ein dauerhaft zu kurzer Zügel wie hier demonstriert führen zu gesundheitlichen Schädigungen und unterstützen den Zustand der Trageerschöpfung!

Fehlerhaftes Reiten, dauerhafte Verspannungen beim Reiten, zu wenig Freilauf und Weidegang, falsche oder unpassende Ausrüstung stören den Arbeitsablauf und somit die Versorgung der Muskulatur. Versorgung der Muskulatur findet durch das korrekte und uneingeschränkte Arbeiten, also dem rhythmischen An- und Abspannen der einzelnen Muskeln statt.

Das wiederum gewährleistet ein korrektes Bewegungsausmaß der Knochen und Gelenke, die dadurch auch ausreichende Versorgung durch physiologische Bewegung erhalten. Kann man diese nicht sicherstellen, kann das zu muskulären Fehlbildungen, Schädigung der Weichteile oder sogar zu Rückbildungen (Atrophien) führen.

 

Weichteile
Weichteile (=Sehnen, Bänder und Muskeln) bewegen die knöchernen Strukturen und halten diese zum Teil in ihrer Stellung(an ihrem Platz). Die Gesunderhaltung von knöchernen Strukturen und Gelenken ist davon abhängig, dass die Weichteile physiologisch funktionieren. Sind Einschränkungen in den für die Bewegung zuständigen Weichteilen, können auch die knöchernen Strukturen nicht mehr korrekt bewegt werden. Dies führt zu einem pathologischen (falschen/eingeschränkten)Bewegungsausmaß und somit zu einem früheren Verschleiß bzw. zu Einschränkungen die langfristig zu degenerativen Schädigungen führen können. Z.B. Gelenkentzündungen, Arthrose, etc.

 

Die Bedeutung der Grundausbildung
Eine systematische und sinnvoll aufgebaute Grundausbildung ist nicht nur aus reiterlicher Sicht ein wichtiger Bestandteil, sondern auch gesundheitlich betrachtet unverzichtbar. Sie ist wie ein Uhrwerk bei dem die einzelnen Rädchen ineinandergreifen. Es läuft quasi alles rund, wenn das eine auf das andere abgestimmt ist und es nirgends hakt und hängt. Steht in einem Uhrwerk allerdings ein Rädchen still, kann kein weiteres Rädchen am Laufen gehalten werden. So wie das Uhrwerk auf ein reibungsloses Ineinandergreifen angewiesen ist, so ist es auch das Pferd. Da es von Natur aus nicht zum Reiten und schon gar nicht als Leistungssportler vorgesehen ist, sollte man die gesamte Arbeit mit dem Pferd immer unter gesundheitlichen Aspekt betrachten.
In der Praxis heißt das: Eine Grundausbildung sollte über mindestens zwei, manchmal sogar drei Jahre erfolgen. Je geschmeidiger das Pferd in der Rippenpartie, je besser es gerade gerichtet ist und je besser sich Muskeln durch das richtige Training entwickeln konnten, umso länger kann ein Pferd gesund bleiben. Das heißt auch, mit den versammelnden Lektionen, hohen Sprüngen sollte erst begonnen werden sollte, wenn das Pferd dies von Alter und Ausbildungsstand und von der Kraft her leisten kann.
Ein vierjähriges Pferd, das schon einen schwierigen Parcours gehen muss und regelmäßig über höhere Hindernisse gesprungen wird, wird genauso frühzeitigen Verschleiß erleiden, wie ein Pferd, das zu früh versammelnde Lektionen oder permanenten Verstärkungen gehen muss.

 

Knöcherne Strukturen
Trageerschöpfung1
Das Bild stellt dar, wann einzelne knöcherne Strukturen des Pferdes je nach Rasse und Entwicklungsstand verwachsen. Gerade der Bereich der Wirbelsäule und des Kreuzbeins verwachsen sehr spät. Probleme entstehen hier meist durch zu frühes Training und Überlastung. Die haltenden Strukturen (Muskeln die die umliegenden anatomischen Abschnitte halten und bewegen) müssen erst ausreichend trainiert werden und sich entwickeln. Das Wachstum sollte abgeschlossen sein. Erst dann ist es dem Pferd körperlich möglich, schwerere Lektionen durchzuführen und höhere Sprünge zu bewältigen. Werden versammelnde Lektionen oder hohe Sprünge jedoch zu früh abverlangt, nehmen diese Bereiche langfristigen, meist degenerativen Schaden und das Pferd wird ab einem gewissen Zeitpunkt nur unter Schmerzen laufen und seinen Reiter tragen können.
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Großrahmige Remonte im ersten Ausbildungsjahr. Von der Optik wirkt sie weiter entwickelt, als sie ist.

 

Hat ein Pferd noch Probleme in der Koordination – sprich, ist es unter dem Reiter noch nicht im Gleichgewicht – so hilft es, auch hier etwas behutsamer und langsamer vorzugehen. Für die junge Remonte oder das noch nicht weiter ausgebildete Pferd kann das heißen, dass man in der ersten Zeit auf das Galoppieren unter dem Reiter verzichtet und damit erst beginnt, wenn das Pferd soweit im Gleichgewicht ist, dass es große Wendungen in Schritt und Trab unter dem Reiter im Gleichgewicht und weitestgehend konstanter Anlehnung ausführen kann. Das heißt auch, es sollte sich bei Übergängen von einer in die andere Gangart nicht mehr herausheben und der Reiter sollte grundlegend zum Sitzen und zum Treiben kommen.
Man könnte denken, dass ein Pferd mit vier Beinen ein gutes Fundament hat und als Flucht- und Lauftier den natürlichen Instinkt mitbringt, um die im Schnitt 600kg zu bewegen und zu koordinieren. Das ist aber nicht immer so. Gerade große Pferde oder auch Pferde mit einem sehr schwungvollen und raumgreifenden Bewegungsablauf sind in den ersten Jahren der Ausbildung und/oder während des Wachstums mit sich selbst und ihren Bewegungen schnell überfordert. Wenn dann das Reitergewicht noch hinzukommt, werden beispielsweise Wendungen schnell zu einem Problem.
Haltungs- und Trainingsbedingungen können diese wichtigen Entwicklungsschritte zusätzlich erschweren oder auch unterstützen. Durch ganztägige Bewegung auf unebenen und unterschiedlichen Böden und im sozialen Umgang in der Herde lernen Pferde schon früh ihren Körper und dessen Bewegungsmöglichkeiten kennen und trainieren.


Trageerschöpfung3
regelmäßiger und mehrstündiger Weidegang hält Pferde gesund und schafft auch für die Psyche die notwendige Entspannung.

Bei optimalen Haltungsbedingungen werden Muskulatur, Sehnen, Bänder, knöcherne Strukturen und auch die dazugehörigen Rezeptoren besser ausgebildet und entwickelt. Sie sind schon grundlegend stabil, um später die Arbeit unter dem Reiter leisten zu können.

2 Kommentare

  • Marie Antworten

    hallo! was genau meinst du mit „hebt sich raus“?

    • Anne Schmatelka Antworten

      Hallo, wenn sich ein Pferd „raushebt“, dann drückt es den Rücken weg und nimmt das Gebiss nicht mehr an. Dann kann es sich nicht mehr loslassen, da es sich verspannt. Viele Grüße

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