Versammlung – wann und zu welchem Zeitpunkt

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Foto: Katja Stuppia

Es ist nicht immer einfach einzuschätzen, wann es Zeit ist, mit ersten versammelnden Lektionen zu beginnen. Da die Pferde von heute aufgrund ihres guten Charakters und der großen Veränderungen in der Zucht in den letzten 30 Jahren mit sehr viel Qualität ausgestattet sind und immer leistungsbereit zu sein scheinen, ist man leicht dazu verleitet, zu früh, zu schnell und zu viel an der Versammlung zu arbeiten. Das allerdings geht immer zu Lasten des Raumgriffes, des schwungvollen Bewegungsablaufes, der Losgelassenheit und langfristig natürlich auch zu Lasten der Gesundheit.

Neben allen Übungen und Lektionen, die die Rippengeschmeidigkeit und im Zuge der weiteren Ausbildung, die Rippenbiegung verbessern, braucht man versammelnde Lektionen genauso wie Verstärkungen, um ein Pferd langfristig gesund zu erhalten.

Zu viel oder auch falsch verstandene Versammlung führt zu Verspannungen. Sind die Verspannungen zu groß, geht der Bewegungsimpuls, der aus der Hinterhand kommt und über den Rücken nach vorne bis in das Maul geleitet wird, „unterwegs verloren“. Die Schubkraft aus der Hinterhand kann nicht mehr in Tragkraft umgewandelt werden. Das Pferd ist im Rücken spürbar fest. Hinterhand-, Rücken-, Bauch- und Halsmuskeln verspannen sich. Korrekt versammeln kann man es nicht mehr!  

Fehlerhafte Versammlung führt immer zu einer Versteifung der Gelenke und damit zu einer Überbelastung der betroffenen Körperpartien.

Schon junge Remonten sehen heute weit entwickelt aus. So fällt man schnell das Fehlurteil, schon recht früh mit der versammelnden oder auch setzenden Arbeit beginnen zu können. Um versammelnde Lektionen richtig reiten zu können müssen Rücken-, Hinterhand-, Bauch- und Halsmuskulatur erst so gestärkt sein, dass das Pferd überhaupt Last aufnehmen und sich selbst tragen kann. 

Das geht nicht – wie manch einer glauben mag – innerhalb eines Jahres. Das geht auch nicht bei einem jungen Pferd. Es dauert Jahre.

Elastizität und Geschmeidigkeit von Muskeln und Gelenken müssen erst durch eine gute Aufbauarbeit entwickelt werden, sonst führt diese falsch verstandene Versammlung nur zu Verkrampfung und über die teilweise schmerzhafte Überlastung zu kompensierenden Bewegungsabläufen, irgendwann zu irreparablen Schädigungen.

„Mit der Forderung, dass das in der Ausbildung fortschreitende Pferd immer schöner werden soll, verbinden wir den Grundsatz, dass auch das S-Pferd auf Verlangen in jedem Moment die Losgelassenheit und die Haltung der jungen Remonte wieder einnehmen können muss. Nur dieser Standpunkt bewahrt den Reiter davor, die höchste Versammlung in Krampf ausarten zu lassen.“

Felix Bürkner

Versammlung ist ein Prozess

Versammlung muss sich aus dem Schwung entwickeln. Sprich aus der Umwandlung der Schubkraft in Tragkraft. Dass Versammlung erst im Zuge der weiterführenden Ausbildung entstehen kann, ist also eine logische Sache, denn dazu braucht das Pferd entsprechend Kraft. Diese Kraft entwickelt sich bei korrekt aufgebauter Ausbildung über Jahre aus dem entwickelten Schwung, aus der Fähigkeit, die Hinterhandgelenke vermehrt zu beugen, um daraus den Körperschwerpunkt mit Reiter nach hinten zu verlagern. Das kann ein Pferd nur erreichen, das sich im Gleichgewicht befindet, ausbalanciert ist. Die Fähigkeit, sich auszubalancieren, entsteht aus dem Geraderichten, durch Verstärkungen und versammelnden Lektionen, durch Seitengänge, aus Rippenbiegenden Lektionen. Also im Zuge einer gut strukturierten und durchdachten Ausbildung wie die überlieferten Grundsätze der Ausbildung.

Demonstration einer durch Hand herbei geführten Versammlung. Die innere Hand nach unten gedrückt, im Oberkörper nach vorne gefallen. Der innere Schenkel ist zu weit nach hinten verlagert. Das Pferd ist sichtlich verspannt. Die innere Hand blockiert die innere Schulter und das innere Hinterbein. Das Pferd kann nicht unter den Schwerpunkt springen. Es drückt den Rücken nach unten weg und steift die Hinterhandgelenke.

Beginnt ein Reiter zu einem zu frühen Zeitpunkt mit der versammelnden Arbeit, bedeutet das für das Pferd immer eine falsche Belastung. Belastungen, die zu frühzeitigem Verschleiß führen können – das in vielen Fällen auch tun. Kissing Spines, Fesselträger- und Sehnenschäden sind hier nur einige der typischen Erkrankungen.

Rückwärtsrichten als Beispiel

Rückwärtsrichten ist eine versammelnde Lektion. Im ersten Ausbildungsjahr sollte man beim Reiten überhaupt nicht rückwärtsrichten, da eine Remonte das nicht kann. Sie wird die Hinterhandgelenke steifen, sich verspannen, sich schief machen (müssen). 

Bei einem weiter ausgebildeten Pferd hilft das Rückwärtsrichten die Versammlungsfähigkeit zu verbessern Es geht darum, die Hinterhand heranzuschließen und zu vermehrter Lastaufnahme zu veranlassen. Alles das können junge Pferde oder auch Pferde, bei denen in der Grundausbildung elementare Fehler gemacht wurden noch nicht. Sie haben weder die Kraft, noch die Elastizität, noch die dazu notwendige Muskulatur. 

Junges Pferd bei den ersten Versuchen, rückwärts zu richten. Die Hinterhand kann sich noch nicht senken, da dem Pferd die Kraft fehlt. Es steift Hüftgelenk und Kniegelenk, drückt die Kruppe hoch. Dabei kommt es auf die Vorhand und wird schief. Auch die Nase kommt hinter die Senkrechte. Der unruhige Schweif zeigt die Verspannung.


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Das gleiche Pferd ein ½ Jahr später. Hier fällt ihm das Rückwärtsrichten schon leichter. Eine wirklich korrekte Hankenbeugung ist jedoch noch nicht möglich. Auch weicht das Pferd noch mit den Hinterbeinen zur Seite aus. Man sollte auch auf keinen Fall versuchen, das zu erzwingen.


Bei versammelnden Lektionen werden die Muskeln schnell mit weniger mit Sauerstoff versorgt und weniger gut durchblutet, wenn sie sich durch Überlastung verkrampfen. Um ausreichend Sauerstoff in die Muskeln zu leiten, sollten versammelnde Lektionen nie zu lange oder mit zu vielen Wiederholungen erfolgen und immer mit „freien Gängen“, wie beispielsweise Tritte und Sprünge verlängern bis hin zu Mitteltrab und Mittelgalopp verbunden sein. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Blasebalg: Zusammendrücken und auseinanderziehen. So funktionieren Muskeln beim Pferd. Nur so werden sie korrekt belastet, ohne fehlbelastet zu werden. Darüber wachsen sie, werden kräftiger und elastischer.

Schaut man sich heute im Sport wie auch in dem Bereich der alternativen Reitauffassungen um, scheint das jedoch nicht mehr wichtig zu sein. Schon mit dreijährigen Pferden glauben Reiter Seitengänge reiten zu können, vier- und fünfjährige Pferde werden zu weiterführenden versammelnden Lektionen veranlasst, die sie überhaupt nicht leisten können. Es wird von Piaffe und Passage gesprochen, für die es weder ausbildungstechnisch noch muskulär entsprechende Grundlagenarbeit gegeben hat, die eigentlich die Basis für so hohe Lektionen sind. Daraus entsteht ein negativer Kreislauf, bei dem schnell irreparable Schädigungen des Bewegungsapparates entstehen.   

Noch zu früh…

Sich Zeit zu lassen und immer wieder Zügel aus der Hand kauen lassen zu reiten vermeidet Verspannungen und damit Unsicherheit und Stress!
Foto: Sina Schaufelberger

Um ein Pferd zu versammeln muss es geradegerichtet sein. Um ein Pferd geradezurichten, muss es in der Rippenpartie ausreichend geschmeidig sein. Das heißt, es sollte keine deutlich schlechtere Hand haben. Ist es nicht geradegerichtet und hat es eine deutlich schlechtere Hand, wird es nicht unter den Schwerpunkt treten oder springen können. Es wird ausweichen müssen und sich verspannen. 

Beim Versuch des versammelnden Trabes beispielsweise hält sich das Pferd im Rücken fest, der Reiter kommt nicht zum Sitzen und zum Treiben, die meisten Pferde nehmen das Gebiss nicht an. Im Galopp geht der Durchsprung verloren, das Pferd macht sich schief, geht in vielen Fällen gegen die Hand. Nicht wenige Pferde verwerfen sich im Genick. Oft ist der reine Takt nicht mehr sicher geregelt, ungleiche Tritte erfolgen, das Pferd wirkt hölzern, lässt sich immer schlechter zurücknehmen oder aufnehmen. 

Fehlerhafte Versammlung geht immer mit fehlerhafter Aufrichtung und Anlehnungsproblemen einher. Meist gehen diese Pferde dann in absoluter Aufrichtung oder sie sind im Hals viel zu eng, die Nase ist hinter der Senkrechten. – das nicht selten, obwohl der Zügel fast durchhängt. 

Meist versuchen Reiter, dann mit einer entsprechend starren Hand das Pferd zu einem aufwendigen Bewegungsablauf zu zwingen. Das Ergebnis ist dann, dass die Pferde noch weniger unter den Schwerpunkt treten können, also noch weniger Last aufnehmen, auch die Schulter nicht unverspannt und elastisch heben können. 

Hat man diesen Punkt der Verspannung einmal erreicht, ist die einzige Lösung, zu den Grundlagen zurückzukehren. 

Die Grundlagen – sprich Übergänge, das Reiten von Achten, Zügel aus der Hand kauen lassen, Tritte und Sprünge verlängern – sind zu verbessern bis sich die Pferde wieder loslassen– innerlich wie äußerlich. Wenn der Rücken wieder zum Schwingen kommt, die Muskeln unverspannt arbeiten, dann kann man langsam wieder beginnen Seitengänge zu reiten. Diese sollte der Reiter mit Zügel aus der Hand kauen lassen und wiederkehrend mit ein zwei langen Seiten Mittelgalopp oder auch mal Galoppieren im leichten Sitz verbinden. Das alles so lange bis sich das Pferd in allen Lektionen wieder loslassen kann!

Wann ist die Zeit reif?

Man erkennt es daran, dass Zulegen und Einfangen in Trab und Galopp vom Pferd ohne Widerstand mit hergegebenem Rücken ausgeführt werden. Der Reiter zum Sitzen und zum Treiben kommt, die Pferde das Gebiss annehmen und sich davon abstoßren.

Man erkennt es auch daran, dass Lektionen wie Schulterherein ohne Takt- und Schwungverlust erfolgen. 

Das ist der Moment, dass das Pferd beginnt sich zu tragen. Die Nase kommt mit steigender Aktivität der Hinterhand und sich entwickelnder Kadenz schon fast von sich aus an die Senkrechte. Die Anlehnung ist konstant. Der Rücken schwingt. Muskeln spannen unverspannt an und ab. 

Das Pferd ist durchlässig und schnaubt immer wieder zufrieden ab. Der Schweif pendelt ruhig hin und her ohne nachhaltig zu schlagen.

Mit beginnender versammelnder Arbeit begnügt man sich bei allen Lektionen immer auf wenigen Tritte und Sprünge. Wenn sich die Hinterhandgelenke dann elastisch beugen, Hankenbeugung also geschmeidig erfolgt, kann man mit der Zeit immer ein wenig mehr verlangen. Aber immer nach dem Motto: „…mit der Zeit!“

Warum eigentlich?

Tritte und Sprünge verlängern, ein fleissiges Vorwärtsreiten bis das Pferd mit dem Hinterbein durchtritt ist die Basis für die spätere Versammlung!
Foto: Sina Schaufelberger

Ich denke oft darüber nach, warum Menschen sich und ihren Pferden nicht mehr die Zeit geben, die notwendig ist, um das Pferd für sich zu gewinnen und eine Partnerschaft aufzubauen, bei der man seine Wünsche den Möglichkeiten des Pferdes anpasst. Vielleicht ist es „In“ oder man gilt als guter Reiter, wenn Pferde auf der Stelle zappeln und man das dem Laien als Piaffe verkaufen kann.  

Gesund bleiben Pferde so nicht und Vertrauen schaffen kann man so auch nicht!

Früher habe ich oft gedacht: Das muss doch jetzt und warum macht das Pferd das jetzt nicht?! Heute weiß ich, ein Pferd braucht Zeit – viel Zeit und dann bleibt es auch bis in ein hohes Alter gesund, hat Spaß und Freude an seiner Bewegung, vertraut seinem Reiter und hat ein ruhiges und entspanntes Auge!

Heute bin ich glücklich, wenn Pferde unter mir zufrieden abschnauben, die Muskeln unverspannt arbeiten und sie auf kleinste Hilfen oder auf ein Einatmen und fast unsichtbare Halbe Paraden reagieren und das auch bei einem Gewicht von über 700 kg. 

Ein solches Gefühl kann keine herausgequetschte und spektakuläre Diagonale oder ein erzwungenes Piaffieren ersetzen…..

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